Samstag, 25. August 2018

Live-Review: Party.San Open Air 2018 (Part 1)

"Wo zum Teufel geht es denn lang?", fluche ich an einem sommerlichen Nachmittag in Thüringen, nachdem mich die Umleitung ab Bad Langensalza zum dritten Mal im Kreis geschickt hat. Wir sind auf dem Weg zum Party.San Open Air in Schlotheim, wohin ich selbst bereits zum achten Mal fahre und den Weg eigentlich kenne. Allerdings ist dieses Jahr die Ausfahrt Bad Langensalza gesperrt und von dort aus beginnt eine Odyssee, die uns mehr als eine Stunde Verzögerung beschert. "Egal", denke ich mir mit knirschenden Zähnen, "es ist ohnehin nur der Anreisetag, es spielt ja noch keine Band." Tief durchatmen! Nachdem ich mich etwas beruhige klappt es auch besser und wir erreichen gegen Abend endlich den Flugplatz Obermehler. Nach dem obligatorischen Zelt- und Pavillon-Aufbau machen wir uns für eine andere Tradition bereit. Kampftrinken am Cuba Libre stand und erste Bekannte treffen. Nachdem wir eine Zehnerkarte voll haben, einen Strohhut dafür erhalten haben und Kollege FilmElf seine Kamera verloren hat, ist es an der Zeit den Abend zu beenden, aber drei vollgestopfte Tage liegen noch vor uns!
Mit dickem Schädel und anhaltendem Kater beginnt der nächste Tag. Bereits um
Our Survival Depends On Us (Foto: Adrian)
halb drei am Nachmittag startet das Live-Programm, kurz nachdem die Veranstalter eine kurze Ansprache gehalten haben, die unter anderem den Schenkelklopfer umfasst, dass bei diesem heißen Wetter unser Überleben 
(also das der Besucher)  von uns selbst anhängt. Eine sehr direkte Überleitung zum Opener. Die Naturmystiker von OUR SURVIVAL DEPENDS ON US dekorieren die Bühne mit Schädeln und Tierpräparationen. Auch die vier Herren selbst tragen dezente Kriegsbemalung und erzeugen eine sehr einnehmende Atmosphäre zwischen Avantgarde Black Metal und Folk Doom. Ein beschaulicher Einstieg und gleichzeitig eine interessante Wahl für den ersten Act. Besonderer Hingucker ist dabei der Bassist. Der mit geradezu psychotischen Grimassen die Leidenschaft der Band sehr anschaulich visualisiert.
Gruesome (Foto: Adrian)
Danach geht es weiter mit traditionellem Death Metal. Im Gegensatz zur ersten Kapelle ist bei GRUESOME das Konzept schnell erklärt. Die Herren aus Florida klingen wie die frühen Extreme-Metal-Ikonen von DEATH und geben das auch offen zu. "Wir sind im Grunde eine Tribute-Band", schallt es in einer Ansage von der Bühne und dagegen kann man nichts sagen. Außer dem Cover 'Pull The Plug' präsentiert man zwar ausschließlich eigene Songs wie 'Inhumane', 'Seven Doors' oder 'A Waste Of Life', aber diese klingen trotzdem wie Werke aus der Feder von Chuck Schuldiner, dem man auch einige sehr schöne Worte zukommen lässt ("wenn wir alle seine Musik lebendig halten, ist er irgendwie immer bei uns"). Insgesamt ein guter Gig mit einem hohen Maß an Nostalgie.
Ebenfalls viel Nostalgie versprüht UNANIMATED. Die Stockholmer Urgesteine des
Unanimated (Foto: Adrian)
Schwedentod liefern eine tolle Show ab, auch wenn sie sichtlich mit der Hitze zu kämpfen haben. Der Schweiß läuft ihnen in Strömen über die Gesichter trotzdem hauen sie starke Hymen wie 'Adversarial Fire', 'In The Light Of Darkness', 'Through the Gates
' oder 'Life Demise' heraus, die bei den Traditionalisten im Publikum heftige Zustimmung ernten. Viel mehr kann man über diesen Gig dann aber auch nicht verlieren. Ich war nie der größte Fan der Band und da scheine ich nicht allein mit zu sein - der Andrang ist passabel aber nicht übermäßig für eine Kapelle diesen Kalibers. Dennoch ist das ein verdammt guter Auftritt für die noch frühe Uhrzeit.
Danach geht es weiter mit DEAD CONGEGRATION. Allerdings verkommt der
Dead Congegration (Foto: Adrian)
massive Subwoofer Sound der Griechen zur Nebensache, als es sich während des Gigs auf einmal düster zuzieht. Man sieht dunkle, bedrohliche Wolken am Himmel und gelbe Schwaden am Horizont, die sich als Staubwolken entpuppen, die von heftigen Sturmböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern vor sich her getrieben werden. Der Spuk dauert zwar nur knapp 20 Minuten aber viele Zelte, Pavillons und Stände fallen dem Extremwetter zum Opfer. Das Festival wird sogar für mehr als eine Stunde unterbrochen und das Gelände geräumt. Das läuft zwar reibungslos ab, aber Die Herren von DEAD CONGEGRATION spielen heute nicht mehr weiter. Dafür muss wiederum keine der anderen Bands ausfallen, auch wenn EMPEROR und MASTER'S HAMMER die Slots tauschen und alles sich ein wenig zeitlich nach hinten verschiebt. Trotzdem verdient die Orga und die Crew ein großes Lob dafür, dass sie so gut mit dieser Situation umgegangen sind.

[Adrian]




Die erste Band, die nach der wetterbedingten Festivalunterbrechung wieder die große Bühne entern darf, sind die Briten von ANAAL NATHRAKH. Ich kann
Anaal Nathrakh (Foto: Adrian)
mich noch gut erinnern, als mir ein Bekannter die "Codex Necro", das erste Album der Herren präsentierte, und ich mir nur verwundert die Ohren gerieben hatte. Eine derart kompromisslose Brutalität hatte ich bis dato auch im Black Metal selten gehört. Neugierig gemacht fing ich dann an die zwei damals noch erschienen anderen Alben anzuhören, nur um ob der Entwicklung der Band aufzuhorchen, denn von der Rohheit des Debüts hatte man sich schnell entfernt und mit dem dritten Album den Grundstein für das gelegt, was die Band heutzutage so einzigartig macht: Die grandiose Mischung aus getragenen Hymnen, urtümlicher Wildheit und Brutalität, die ihresgleichen sucht. Und das ist es auch, was den Auftritt der Band für mich mit zu dem besten macht, was das Party.San in diesem Jahr zu bieten hat, denn nichts unterhält im Endeffekt mehr als wirkliche Einzigartigkeit.  

[Nezyrael]

Toxic Holocaust (Foto: Adrian)
TOXIC HOLOCAUST! Joel Grind auf der Bühne zu erleben ist immer wieder ein Vergnügen. Seit nunmehr fast 20 Jahren ist der umtriebige Mitdreißiger unterwegs und hat sich inzwischen als feste Größe im Speed Thrash Metal etabliert. Im Gegensatz zu den letzten Auftritten auf dem Party.San Open Air darf der Amerikaner inzwischen auch bei Dämmerung spielen und wird nicht mehr bei sengender Mittagssonne auf die Bühne geschickt. Der Zuspruch der Fans gibt dieser Positionierung Recht. Hits wie 'War Is Hell', 'Wild Dogs' oder auch 'Death Brings Death' werden gebührend von den Anwesenden abgefeiert und stacheln umgekehrt auch die Musiker an. Der gesamte Gig ist von einer Menge Energie geprägt und erreicht seinen Höhepunkt als gegen Ende Gassenhauer wie 'Nuke The Cross' oder 'Bitch' ausgepackt werden. Kurzum, TOXIC HOLOCAUST ist eine Live-Band, die immer abliefert.

[Adrian]

Revenge (Foto: Adrian)
Manchmal muss man sich fragen nach welchem Muster die Main Acts aufgestellt werden. Natürlich gibt es offensichtliche Kandidaten: VENOM oder EMPEROR lassen sich wohl kaum ohne massive Proteste auf die doch recht heimelige Tent-Stage verbannen, wie sich aber REVENGE auf der Hauptbühne eingefunden haben bleibt mir etwas schleierhaft; das hängt selbstverständlich nicht mit deren musikalischem Talent zusammen, schließlich gibt es kaum jemanden im Umkreis hunderter Kilometer der solch zielgerichtetes Chaos zu verursachen mag, aber man muss sich doch fragen ob die Popularität des Genres wirklich zugangsfreundlich genug ist und diesen Slot für all jene ohne deutliches Interesse an blanker Brutalität rechtfertigt. So mancher Death Metal Fan verdreht die Augen und zwischen den Songs wird allerorts laut dass REVENGE doch eigentlich ins Zelt passen, wo die wütende Schwarzmetall-Druckwelle  mit Grind-Allüren sich besser durch das Trommelfell fressen kann. Der Auswahl des Ortes unabhängig liefern die Kanadier allerdings genau was Fans sich wünschen: extremer Druck des Stakkato Schlagzeugs, Riffs deren Struktur nur Fans des Genres sich offenlegt und das größtenteils unverständliche Gekeife bei dem einfach davon ausgegangen werden muss, dass es sich wahrscheinlich um nichts nettes handelt. REVENGE liefert einen absoluten Genießerauftritt, der als solcher aber durchaus überzeugen kann; andere haben sich nach den ersten fünf Minuten meist sowieso gen Ausschank verzogen. 

[Sunny]

Ja, EMPEROR, ich bin mir echt nicht sicher was ich hierzu schreiben soll. Ich
Emperor (Foto: Adrian)
hatte euch noch nie gesehen und war dementsprechend sehr gespannt, da ich gerade die ersten beiden Alben nach wie vor sehr verehre und auch das Solo-Schaffen von IHSAHN schätze. An sich bin ich auch ein Freund davon, Alben komplett zu spielen, allerdings hätte ich mir dann doch eine andere Wahl als die "IX Equilibrium" gewünscht, da ich dieses Album für das schwächste im Kanon der Band halte. Am Auftritt selbst gibt es dann weiter wenig aufregendes zu berichten, wobei ich das ganze sehr routiniert durchgezogen empfand - im Verhältnis zu der doch recht begrenzten Live-Präsenz der Band. Vielleicht liegt dies aber auch hauptsächlich an der Präsenz von Frontmann Ihsahn, der das Publikum schnell auf seine Seite ziehen kann. Zum Glück gibt es am Ende mit "Inno A Satana" noch einen versöhnlichen Ausklang eines Auftrittes, der mich leider nicht vollends zufrieden stellen kann, da die Setlist für meinen ureigenen Geschmack doch deutlich Potenzial nach oben hat.
Aufgrund der wetterbedingten Kapriolen wurden MASTER'S HAMMER
Master's Hammer (Foto: Adrian)
schlussendlich auf den letzten Slot gehievt, um den ersten Tag gebührend ausklingen zu lassen. Bei immer noch sehr angenehmen Temperaturen treten dann also die alten Herren auf die Bühne, mit deren Wirken ich leider auch deutlich weniger bewandert bin als ich es vielleicht sein sollte. Dementsprechend neugierig bin ich dann aber trotz der fortgeschrittenen Stunde auf die musikalische Darbietung, und ich werde wirklich nicht enttäuscht. Die Band schafft es, eine ganz eigene Art des Black Metal dar zu bieten, die trotz des Alters des gespielten Materials zu keiner Zeit altbacken wirkt. Kauzig ist ja so ein Adjektiv, das keiner so wirklich gerne verwendet weil man es nur schwer wirklich beschreiben kann, aber hier trifft es vom Cowboy'esken Outfit des Sängers bis zur Musik wohl am besten zu. Wie keine andere Band des Festivals schafft es MASTER'S HAMMER nämlich, ihre Interpretation des klassischen Black Metal mit melodischen hymnenartigen Parts zu durchsetzen, wobei die gradlinigen Songs wie 'Jama Pekel' trotzdem sehr gut nach vorne gehen.
Alles in Allem ein sehr gelungener Auftritt, und auch wenn es offiziell so nicht geplant war für mich der echte Headliner im Vergleich zu EMPEROR.

Fortsetzung folgt...

[Nezyrael]

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