Montag, 17. September 2018

Live-Review: Party.San Open Air 2018 (Part 2)

Ein fettes Sorry gleich zu Anfang. Der zweite Teil unserer Party.San-Reihe hat nun doch recht lang hat auf sich warten lassen. Nachdem wir das thüringische Festival bereits als Vlog nachbereitet haben, sind wir etwas schreibfaul geworden. Nichtsdestotrotz wollen wir direkt in den zweiten Tag aus Schlotheim einsteigen. Wer noch einmal in Teil 1 nachlesen, was am Donnerstag los war, kann dies hier tun.
Das Grindcore Frühstück des Party.San ist Tradition - das allein rechtfertigt
Guineapig (Foto: Adrian)
dessen Existenz selbstverständlich noch nicht, sorgt allerdings dafür dass mehr als genug in wilde Wallung gekleidete Lauchschwinger sich bereits zur frühen Mittagsstunde gen Bühne schleifen, um sich den Ausgang des Vormittags mit einem Cuba Libre und den sanften Melodien von wütenden Spaßvögeln zu begießen. GUINEAPIG überraschen in dieser Hinsicht zweifach: Erstens wird jedem Besucher der seine Klobürste zuhause gelassen hat auffallen, dass die Band glücklicherweise nicht ihr gesamtes Image um solcherlei Ausschreitungen aufgebaut hat und zweitens, dass diese überraschend gute Musik machen. Zwar waren in den vergangenen Jahren immer mal wieder Ausschreitungen erschreckend talentierter Bands in diesem Slot vorzufinden, allerdings hat bisher kaum eine der kleinen Bands so überzeugt wie GUINEAPIG. Ernsthafter Grind ist nicht umsonst eine etwas in Vergessenheit geratene Disziplin, da dieser Wechsel nicht so leicht erreichbar ist wie zunächst gedacht und doch schaffen es die Italiener eine starke Mischung aus dem üblichen Geballer, Gegrunze und groovigen Riffs zum Mittagstisch zu bringen. Man mag es sich einbilden, aber es scheint als habe die letztjährige Split mit Veteranen von ROMPEPROP deutlich an Einfluss gehabt. Wie dem auch sei, eine angenehme Überraschung. Ach ja, dem kostümgefüllten Circle Pit scheint es auch zu gefallen. 

Die in letzten Jahren weiter fortschreitende Welle des dichten und ebenso
maskiertem Black Metal Europas bezieht in ihrer nächsten Instantiierung am Freitag bereits sehr früh die Bühne; viel zu früh, sagt der Kritiker, gerade im Kontext der zuvor rumpelnden Grindcore Profis von GUINEA PIG. Im Vergleich dazu erscheint THE COMMITTEE in prallem Sonnenschein, oder was dieses Festival im wilden Wettermix als solchen darstellen möchte, zunächst beinahe komisch; das Rednerpult welches dem Ministergimmick eines totalitären Staates der Band gilt, wirkt bei Lichte betrachtet, etwas sperrholzig und auch die vermummte Band im gesamten scheint sich zunächst nicht so recht wohl zu fühlen. 
The Comittee (Foto: Adrian)
Jegliche Zweifel werden glücklicherweise bald zerstreut: Mit ihrem deutlich melodiösem und doch stark treibenden Black Metal weiß die Band auch Zweifler zu begeistern. Tragende Riffs, nicht zu aufdringliches, aber dennoch treibendes Drumming, welches den etwas militärischen Marschcharakter von Fan-Favourites wie 'Katherine's Chant' akzentuiert und die stetig melodiös verzerrte Leadgitarre erheben diesen zunächst zweifelhaft positionierten Gig zum Genuss. Heimlicher Star des ganzen sind, etwa einmal im Jahrhundert im Black Metal, die stetig innovierenden Basslines des 'Mediators' Marc Abre, welcher mit seinem Genre-unüblichen Stil immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Inklusion solcher Crowdpleaser wie 'Synthetic Organic God's' schließen diesen Gig als einen der besten des gesamten Festivals ab. Warum allerdings 'Katherine's Chant' nicht der letzte Song war, weiß sich keiner zu erklären. 

[Sunny]

Benighted (Foto: Adrian)
"Wo kommt BENIGHTED eigentlich her?", fragt mich mein Nebenmann. Die Frage beantwortet sich allerdings von selbst als Fronter Julien Truchan zu einer Ansage ansetzt. Der französische Akzent ist ebenso charmant wie auffällig. Der brutale Deathgrind der Franzmänner haut ordentlich rein und besitzt jede Menge Bass. In meinem Augen ist es es sogar ein wenig zu krass - Übersteuerungen und ein unangenehmes Dröhnen kommen immer wieder durch. Nichtsdestotrotz macht der Gig eine Menge Spaß. Auch gerade weil die Band so richtig Bock hat, was man vor allem dem barfüssigen Julien ansieht, der strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Meine persönlichen Highlights sind dabei das unsterbliche 'Let the Blood Spill Between My Broken Teeth' und das SEPULTURA-Cover 'Biotech Is Godzilla', das den Auftritt beendet und das darin mündet, dass BENIGHTED ein Foto zusammen mit der Menge knipst. Diese unheimlich sympathischen Jungs gehen einfach immer. 

[Adrian]

Als nächstes dürfen dann PILLORIAN die Bühne betreten. Frontmann John Haughm dürfte eher durch AGALLOCH dem ein oder anderen ein Begriff sein, wer aber nur wegen dieser Beziehung zur 
Bühne pilgert, wird leicht enttäuscht worden sein. Zu grimmig, zu harsch, zu brachial gehen PILLOARIAN zu Werke und fallen eher durch Wucht und technisches Geschick auf denn durch 
Coffins (Foto: Adrian)
Atmosphäre. Wirklich beeindrucken kann das Ganze aber nicht, was aber vielleicht auch ein wenig der Tageszeit und dem Wetter geschuldet ist, ein Zeltauftritt würde hier sicher besser zum Konzept passen.

[Nezyrael]

An den japanischen COFFINS scheiden sich im Anschluss die Geister. Für die einen ist es die Death-Metal-Band des Festivals (wie für unsere Zeltnachbarn), während andere sich an den ausgekotzten Grunts stoßen (das trifft zum Beispiel auf meine direkt Camp-Kollegen zu). Ich vermisse zwar auch die düsteren und massiven Growls von Ex-Fronter Ryo, der 2013 in Schlotheim noch mit dabei war, aber auch Nachfolger Jun macht seine Sache gut. Einzige Konstante im Line-Up ist ohnehin nur Klampfer Uchino, der sich bei Ansagen sehr schüchtern gibt und sich meist sehr kurz fasst. Am meisten Spaß auf der Bühne scheint allerdings  Basser Masafumi zu haben, der wild abgeht und mittanzt, als würde er normalerweise die Drums bei WEEDEATER bedienen.
[Adrian]

RAM (Foto: Adrian)
RAM dürfen dann für den Heavy-Metal-Einschlag des diesjährigen Festivals sorgen. Und auch wenn die Veteranen sich alle Mühe geben und mit beispielsweise "Gulag" nichtmals schlechtes neues Material in der Hinterhand haben, will der Funke nicht so richtig überspringen. Ein wenig zu routiniert, einfach ein  bisschen zu wenig ist der Auftritt der Schweden für mich, so dass man sich ganze gemütlich vom Kaffeewagen aus zu Ende anschaut. Die Fans vor der Bühne sind allerdings prächtiger Stimmung, so dass man den Herren um Oscar Karlsquist nur attestieren kann: Auftrag erfüllt.


[Nezyrael]


Die Modern-US-Deather von THE BLACK DAHLIA MURDER haben sich lange rar
The Black Dahlia Murder (Foto: Adrian)
gemacht in Thüringen. Nach elf Jahren (!) beglücken sie wieder das Party.San Open Air und sie werden dabei mit mehr Gegenliebe empfangen als ich es zuerst gedacht hätte. Immerhin rücken viele Extreme-Metal-Puristen die Detroiter immer wieder in die Deathcore-Ecke - völlig zu Unrecht wie ich finde. Sie mögen technisch sein, sie mögen modern sein, aber mit Core hat das Ganze nicht viel zu tun. Die Screams von Sänger Trevor mögen zu diesem Genre-Missverständnis beigetragen haben, aber im Kern ist auch er ein starker Befürworter der alten Schule. So schickt er Grüße an die Kollegen von BENIGHTED und freut sich später darauf EXHORDER live zu erleben, was ihm zuvor noch nicht gelungen sei. Der Auftritt an sich macht auch mächtig Laune und beinhaltet alle Stärken der Band. Ich habe hier nichts auszusetzen.

Deserted Fear (Foto: Adrian)
Danach gibt es praktisch ein Hemispiel für DESERTED FEAR. Die Thüringer spielen vor einer recht großen Menge zu einer sehr attraktiven Uhrzeit. Ein ganz klarer Indikator dafür wie sehr diese Band in den letzten Jahren gewachsen ist. Wenn es in Deutschland eine Band gibt, die am meisten vom Death-Metal-Revival profitiert hat, dann die vier Ostdeutschen. Allerdings läuft auch bei den Shooting-Stars nicht alles glatt. So werden sie zum Beispiel beim ersten Song durch eine unkontrollierte Pyro-Anlage aus dem Konzept gebracht, was die Spielzeit des Tracks entscheidend verkürzt. Was einigen Kritikern im Publikum aber vielmehr aufstößt sind die bemüht natürlichen Ansagen über Lampenfieber oder die Verbundenheit zum Party.San Open Air an sich. Ich kann zwar meinen Finger nicht genau drauflegen, aber ich kann schon verstehen, was gemeint ist. Musikalisch stimmt man die meisten Zuschauer allerdings mit Hits wie 'Bury Your Dead' mehr als zufrieden. Man muss es ja nicht jedem Recht machen.

Exhorder (Foto: Adrian)
TBDM-Sänger Trevor macht sein zuvor gemachtes Versprechen war und erscheint vor der Bühne als EXHORDER mit ihrem Gig starten. Er ist natürlich nicht alleine und sehr viele Besucher machen das Rollfeld vor der Bühne so richtig schön voll. Immerhin ist der Fünfer aus New Orleans keine Kapelle, die an jeder Steckdose spielt. Im Gegenteil, abseits von ihrer Kernphase zwischen 1985 und 1992, existiert Band seit mehr als 25 Jahren immer nur sporadisch und für maximal zwei bis drei Jahre am Stück und gönnt sich dazwischen lange Pausen. Veröffentlicht hat man seit Mitte der Neunziger auch nix mehr und kann sich dementsprechend den alten Klassikern ausgiebig widmen. Songs wie 'Slaughter In The Vatican' und 'Desecrator' sind dabei obligatorisch und beenden das Nostalgie-Set mehr als denkwürdig. Geile Show - Gerne Wieder!

Unleashed (Foto: Adrian)
UNLEASHED sind wiederum die Anti-These zu EXHORDER, wenn es um die eigene Biographie geht. Die Viking-Deather sind seit 1989 durchgängig unterwegs (beziehungsweise hauen regelmäßig Platten raus) und waren zwischen 2007 und 2012 so über-präsent, dass ich Johnny Hedlund häufiger live gesehen habe als gewisse Teile meiner Familie. Das hat temporär zu einigen Abnutzungserscheinungen geführt, so dass ich die Band einfach nicht mehr anschauen wollte. Inzwischen sind aber ein paar Jahre ohne UNLEASHED-Auftritt für mich vergangen und ich merke, dass ich Hedlund und Co wirklich vermisst habe. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf den anstehenden Gig und werde auch nicht enttäuscht. 'Dead Forever', 'Don't Want To Be Born' oder 'I Have Sworn Allegiance' sind allein nur die Hits der ersten Set-Hälfte. Das Finale ist dann ein Triumvirat aus 'Into Glory Ride', 'Death Metal Victory' und 'Before The Creation Of Time' - einfach nur göttlich!

Die Nacht hat den Himmel vollends übernommen und vor dem schwarzen
Dying Fetus (Foto: Adrian)
Firmament kommt die Lightshow des DYING FETUS Gig besonders gut zur Geltung. Das Trio aus Baltimore hat gute Laune und darf (wie auch beim letzten Besuch in Obermehler) das Feld für VENOM bestellen. Als Co-Headliner zieht man natürlich eine Menge Zuschauer vor die Bühne beziehungsweise darf auch bereits jene begrüßen, die einfach nur auf den Headliner warten. Im Kern bleibt aber alles wie man es kennt. Der Gesang klingt nach einem besessenem Staubsauger und die Beats ballern wie ein Flakgeschütz. 'Fixated on Devastation' und natürlich 'Kill Your Mother, Rape Your Dog' sind meine Höhepunkte im Set! Mehr gibt es nicht zu berichten.

[Adrian]

Oh VENOM, was ist nur passiert. Vielleicht war es insgesamt die Aufteilung in
Venom (Foto: Adrian)
den allseits beliebten Chronos-Klassiker und VENOM INC. - aber das war, wie man so schön sagt, nix. Erfahrungsgemäß gibt es auf dem Party.San meist eine überraschende Enttäuschung und leider handelt es sich dieses Jahr um das Heavy Metal Urgestein, welches uns Alben wie "In League with Satan" und "Black Metal" vor all diesen Jahren bescherte. Songs aus diesen beiden Anläufen sind leider auch die einzigen relevanten für diesen Gig und genau da liegt das Problem: Wenn zwischen 'Buried Alive' und 'Countess Bathory' maximal ein Fan mal mit dem Fuß wippt, sollte man seine Setlist vielleicht re-evaluieren. Der Impuls ist natürlich verständlich: wer möchte schon 40 Jahre lang die gleichen Songs spielen. Allerdings muss der Band auch klar sein, dass Fans gerne 40 Jahre lang die gleichen Songs hören möchten und bei den maximal durchschnittlichen Kompositionen die VENOM zwischen Klassiker wie 'in League with Satan' und dem Closer 'Witching Hour' schieben, kann ihnen dies wohl kaum jemand verübeln. Mittelmäßige Midtempo Songs mit dem gleichen Gesang und ohne Energie jagen hier einander, bis die Menge nach weiteren etablierten Riffs schreit und die Band nachgibt. Ernüchternd, aber wohl kaum überraschend. Falls jemand unbedingt Songs von der "Metal Black" live erleben möchte war dies wohl eine gute Gelegenheit, aber wer ist schon so unzurechnungsfähig. Fans wird es wohl gefallen haben, Skeptiker verziehen sich schlecht gelaunt ans Zelt. 

[Sunny]

to be continued

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen