Samstag, 18. Februar 2017

Live-Review: Freitach Nacht Krach, Neu-Isenburg

Viele Menschen denken noch immer, dass Neu-Isenburg ein Stadtteil von Frankfurt ist. Dabei ist die im 17. Jahrhundert gegründete Gemeinde eigenständig und grenzt lediglich an die Mainmetropole. Konzertgänger kennen den Ort vor allem durch die Hugenottenhalle, in der immer mal wieder größere Touren Halt machen. Am vergangenen Freitag hat die Musik allerdings ein paar hundert Meter abseits des bekannten Venues gespielt. Das lokale Jugendcafé hatte zum ersten Freitach Nacht Krach eingeladen- nach eigenen Angaben handelt es sich hier bei um ein "großes Progressive-Ambient-Postrock-Black-Death-Metal-Special". Was sich hinter diesem Wortmonster verbirgt, haben wir für euch versucht herauszufinden.
Dahlian (Foto: Adrian)
Aber erst einmal heißt es: der Weg ist das Ziel. Denn die Anreise nach Neu-Isenburg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zieht sich. Vor allem, da wir das letzte Stück (die zwei Kilometer zwischen Bahnhof und Location) zu Fuß zurücklegen. Zum Glück für uns spielt bereits kurz nach halb neun die erste Band, so dass man schon von weitem den Prog-Death von DAHLIAN hören kann. Die Südhessen spielen insgesamt nur etwa vier oder fünf Songs, was allerdings den ausladenden Tracks geschuldet ist. "Der nächste Song dauert 20 Minuten - da müsst ihr jetzt durch", warnt Sebastian, der kein Mann vieler Worte ist und während des Gigs dementsprechend sparsam mit Ansagen umgeht. Zu seiner Verteidigung: bei den überlangen Hymnen des Quintetts gibt es auch kaum Möglichkeiten Ansprachen zu platzieren. Ihr Mix geht allerdings auch so gut runter und ist entspannterweise weder übermäßig vertrackt noch frickelt sich die Saitenfraktion die Finger wund. Es ist einfach ein lauschiger Gig mit starken Musikern und intensiver Stimmung! Mit einem 13-Minüter verabschiedet man sich am Ende in den Feierabend und wünscht unter anderem viel Spaß mit DEADWOOD.
Die Frankfurter Post-Black-Metaller dürftet ihr ja inzwischen kennen wenn ihr
Deadwood (Foto: Adrian)
Totgehört regelmäßig verfolgt. So haben wir zuletzt über die (noch) aktuelle Scheibe "
Picturing A Sense Of Loss" gesprochen und euch erklärt was für eine dichte Atmosphäre DEADWOOD erschafft. Das ist allerdings noch gar nichts im Vergleich zur Live-Performance der Lokalmatadore. Man wird quasi von einer Wand aus Riffs erschlagen! Massiver kann Post Black Metal kaum sein. Sänger Jo verausgabt sich nach Kräften und legt jede Menge Leidenschaft in seine schwarz-metallischen Screams. Die Beleuchtung ist dunkler als bei den anderen Truppen und trägt zur Intimität des Auftritts deutlich bei. Das Jugendcafé ist klein und mit etwa 50 Besuchern bereits halbwegs gut gefüllt, dadurch entsteht eine ganz besondere Verbindung zwischen Künstlern und Zuschauern, die durchweg für Gänsehaut sorgt. Wie im Flug vergeht die Zeit - denn auch hier sind die Songs lang und die Ansagen rar gesät. Insgesamt ist DEADWOOD eindeutig die beste Band des Abends und wenn ihr die Chance habt, solltet ihr euch den einen oder anderen Auftritt der Hessen unbedingt mal anschauen (wie zum Beispiel am 6. Mai nahe Limburg im Second Home Ennerich). 
Den dritten und letzten Akt begehen wir zusammen mit AEOS - eine abgedrehte
Aeos (Foto: Adrian)
Prog-Band aus dem Taunus. Bewaffnet unter anderem mit Synthesizer und sechs-saitigem Tieftöner, prügelt sich der Fünfer durch gefühlt alle Jahrzehnte der Populärmusik. Man switcht zum Beispiel innerhalb von Momenten von hartem Metal auf tanzbaren Swing der 40er Jahre um. Das klingt abgefahren und das ist es auch. Selbes trifft übrigens auch auf die Personalpolitik von AEOS zu. Norman, Sänger des Quintetts, kündigt in einer Ansage an, dass er bald die Band temporär verlassen wird, um ein Jahr lang nach China zu gehen und sich seiner Kung-Fu-Passion zu widmen. Sowas hört man auch nicht alle Tage - aber vielleicht sollte die Kapelle dies als eine Chance begreifen instrumental weiterzumachen (denn dort haben wir es mit echten Virtuosen zutun), denn stimmlich ist der heitere Clean-Gesang so gar nicht mein Fall. Handwerklich gut gesungen sind die Vocals zwar, aber die Stimme an sich gefällt mir persönlich gar nicht. Nichtsdestotrotz bleiben noch viele Zuschauer bis zum Ende vor Ort und hängen sich noch vor die Theke, als die Lichter bereits wieder angemacht werden. 
Alles in allem, ein gelungener Konzertabend mit starken abwechslungsreichen Bands in einer Location, die ich man sich merken sollte. Hier gibt es nettes Personal, eine angenehme Atmosphäre herrscht vor und das Bier (0,3 Liter) kostet nur anderthalb Euro, wo gibt es denn noch sowas im Raum Frankfurt? Da kann man nur das Fazit ziehen: Jugendcafé Neu-Isenburg? Gerne wieder!

[Adrian]

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