Dienstag, 6. September 2016

Editorial: Die kleinen musikalischen Geheimnisse von Wackenbesuchern

Bereits vor einem Monat hat das Wacken Open Air 2016 stattgefunden und auch wie in den vergangenen Jahren haben wir darauf verzichtet größeren Anstoß daran zu nehmen. Dennoch tobt jedes Jahr aufs neue die Diskussion wie "Metal" das größte Festival für harte Musik in Deutschland eigentlich ist. Kritiker des Open Airs beklagen, dass in den letzten Jahren die Masse an "Touristen",(gemeint sind Menschen die nur wegen dem Event und nicht wegen der Musik dorthin pilgern) rapide zugenommen habe. Die Bilder, die man Jahr für Jahr in den Medien sehen kann, verstärken dieses Vorurteil. Da zeigt man haufenweise Strohhüte, die von Menschen getragen werden, die wie Mallorca-Urlauber wirken, oder andere skurrile bis peinliche Kostümierungen tragen, die jeden ernsthaften Musikfreund mit den Augenrollen lassen. Handelt es sich hierbei aber wirklich um ein repräsentatives Bild oder um einen Bias? 
BLAKYLLE-Gitarrist Sandro Lukaszczyk (ehemals bekannt als Nimrod von der hessischen Black-Metal-Band KREW) hat sich diese Frage ebenfalls gestellt und sich überlegt, wie er ihr auf den Grund gehen kann. Umfragen bringen seiner Meinung nach nichts (vor allem wegen geringer Beteiligung) und Erfahrungswerte liegen dazu auch keine vor. Also hat er seine EDV-Kenntnisse genutzt um einen Crawler zu bauen, der innerhalb der Facebook-Gruppe "Wacken Open Air" herumschwirrt, um Musiker und Bands zu finden, welche von den Mitgliedern mit "Gefällt Mir" markiert wurden. Mit mehr als 8.000 Mitgliedern ist die Gruppe also durchaus repräsentativ. Da natürlich nicht jeder diese Angaben öffentlich anzeigen lässt, schrumpft der Datenpool etwas zusammen - am Ende blieben noch knapp Daten von 5.425 Nutzern übrig. Dennoch haben wir es mit einer staatlichen Zahl zu tun, die Aufschluss darüber gibt, was der typische Wackenfreund musikalisch so mag.

Wer jetzt allerdings die große Bestätigung sucht, dass Wackenbesucher allesamt eigentlich gar keinen Metal hören, wird enttäuscht werden, denn die Top Ten spiegeln wieder, was man auch jedem durchschnittlichen Metaller erwarten würde. METALLICA  auf eins, dann RAMMSTEIN und AC/DC, dann IRON MAIDEN,
hat auch schon in Wacken gespielt: Heino
(Quelle: Wikimedia.org)
AMON AMARTH, BLACK SABBATH und so weiter. Die Werte liegen hier zwischen 25 und 40%. So weit - so uninteressant. Der Teufel liegt hier allerdings im Detail, denn nach den recht generischen Top 100, kommen auch ein paar "Guilty Pleasures" zu Tage, die doch einige Besucher gemeinsam haben. So gefällt EMINEM knapp 8% der untersuchten Menge - was man noch unter Nostalgie der frühen 2000er verbuchen kann. Diesen Bonus wollen wir dann den 6% die DAVID GUETTA geliket haben nicht zu gestehen - nur ein kleiner Teil der untersuchten Menge, aber dennoch überraschend. Vor allem da der "DeeJay" damit knapp vor DEATH landet, einer der für den (Death)
Wacken'tauglich?: Helene Fischer
(Quelle: Wikimedia.org)
Metal und seine Entwicklung wichtigsten Bands. Der erstaunlichste Eintrag in der ganzen Liste ist allerdings HELENE FISCHER, die satte 5% der Untersuchten zu mögen scheinen. Umgerechnet auf 80.000 Besucher, kann man davon ausgehen, dass sich ein Publikum von mehreren Tausend finden würde, die die Schlagerkönigin gerne sehen würde. Ansonsten gibt es eigentlich nur wenig Ausreißer wie zum Beispiel die  
jeweils 4% für COLDPLAY, SIDO und CRO.
Alles in allem ist abseits von ein paar Kuriositäten der Geschmack der Wackenfreunde keineswegs so schlecht wie er in der Berichterstattung erscheinen mag. Insgesamt findet man neben vielen zeitgenössischen Rock und Metal-Größen, auch viele Traditionsbands der 70er und 80er sowie Vertreter aus Artverwandten Genres wie Alternative und Gothic. So sehr man also das Konzept von Wacken also ablehnt - so sehr sind seine Besucher doch im Metal verwurzelt, auch wenn es sich bei den meisten Ticketkäufern sicherlich um keine Underground-Perlentaucher handelt, haben sie keinen so ungewöhnlich (bis unmetallischen) Geschmack wie man es erwarten würde.
Wer sich für die Rohdaten und eine vollständige Auflistung interessiert, kann sich unter diesem Link austoben. 
Post scriptum: hier auch noch einmal der Hinweis, dass dieser ganze Artikel mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist - wir verurteilen niemanden ernsthaft dafür, dass er auch abseits Metal andere Musik hört. Vielmehr geht es darum die ganze Geschmacksdebatte im Metal auf die Schippe zu nehmen.

[Adrian]  

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