Sonntag, 8. Mai 2016

Live-Review: Unconquered Darkness Fest 2016 in Dublin

Wie bereits angerissen waren wir anlässlich des Unconquered Darkness Fests in der irischen Hauptstadt Dublin unterwegs und haben gleich einen einwöchigen Urlaub daraus gemacht. Im Zuge dessen haben wir uns Museen, Kirchen und die Pubs der Stadt genauer angeschaut. Das übergeordnete Fazit davon ist, dass man als  Biertrinker in der Stadt am Liffey einige Kröten schlucken muss (und auch ausgeben muss). Alkohol auf der Straße trinken ist verboten und im Pub gibt es nirgendwo etwas günstigeres als ein Guinness (was immer noch fünf Euro kostet). Abseits von den Alltagsproblemen eines Alkis fällt auf, dass man trotz der immensen Anzahl an Pubs auch unter Woche überall bis tief in die Nacht immer noch Leute finden kann, die auch gerne mit Touristen trinken und diskutieren. Toll ist hier vor allem, dass es vielerorts digitale Jukeboxen gibt, in denen man sich wünschen kann, was man will - und die Bandbreite ist mit Frankfurter Thrash á TANKARD über Klassiker von BLACK SABBATH bis hin zu Black Metal von TAAKE sehr groß. 

Kommen wir nun aber zum Grund unserer Reise: dem Unconquered Darkness Fest. Das Venue des Extreme-Metal-Festivals ist die Voodoo Lounge. Diese sieht ziemlich kahl aus. Das unscheinbare Gebäude, das direkt am Fluss liegt und sich in eine ganze Reihe aus Gewerben und Kneipen einreiht, ist sichtlich abgeranzt. Links neben dem Eingang ist der Raucherraum (eine heruntergekommene Abstellkammer, in dem sich Raucher zwängen, die ein volles Getränk in der
Voodoo Lounge - Flurbereich
Hand haben - denn wie bereits angeschnitten ist Alkoholkonsum auf der Straße illegal, was auch von einem Türsteher, der wie ein jüngerer Bryan Adams mit Undercut aussieht, streng kontrolliert wird). Im Flurbereich vor der Konzerthalle verkauft mit Mitorganisator Matt von
Dark Descent Artikel seines Mailorders und daneben vertreiben die spielenden Bands ihr Merchandise. Kurz vor dem Eintritt in den Hauptbereich der Location, kann man noch in den Sanitärbereich abbiegen. Hier gibt es (wie man es auch Deutschland gewohnt ist) freundliches Personal, das die Toiletten reinigt und man ihnen dafür etwas spenden kann. Bei aller Freundlichkeit finde ich persönlich, dass man sich diese Stellen auch hätte sparen können. Denn Papierhandtücher abreißen und Seife aus einem Spender nehmen kann ich gerade noch selbst erledigen und die netten Herrschaften sitzen in den kleinen Räumlichkeiten ohnehin nur im Weg herum. Gerade wenn viele Leute aufs Klo wollen, staut es sich, weil das Personal auf einem Hocker mitten im Türrahmen sitzt. Ebenfalls etwas übertrieben ist die Ordnungsliebe der Putzfrau, die bereits während (!) des Festivals hinter jedem Schluck Bier, der zu Boden geht, und jedem Fleck an der Tür hinterher wischt. Dass diese Reinlichkeit allerdings keine permanente Tugend des Clubs ist merkt man am extrem klebrigen Boden direkt vor der Bühne, der die Flüssigkeiten der letzten Jahrzehnte aufgenommen zu
Aufgang zum On The Rox
haben scheint. Der Konzertraum an sich ist ein langer Schlauch. Hinten ist die Theke mit ein paar (wenigen) Sitzmöglichkeiten und vorne ist die relativ kleine Stage, die ausgesprochen schlecht konzipiert wurde. Denn nicht nur, dass in den 20 m² vor der Bühne zwei dicke Säule stehen, die wenn man Pech hat genau ins eigene Sichtfeld fallen, es wurde außerdem der Zugang zum Backstage Keller links (etwas versetzt) neben die Bühne geklatscht, wodurch Bühne und dass Sichtfeld noch einmal um knapp zwei Meter eingeschränkt wurden. Das führt dazu, dass obwohl die Halle nie mehr als halbvoll ist, lediglich die 30 Leute direkt vor der Stage einen guten Blick auf die Bands haben. Die täglichen Aftershow-Partys finden dann allerdings nicht mehr im Voodoo statt, sondern nach der letzten Kapelle zieht man in den benachbarten On The Rox Club (siehe entsprechendes Live-Review) um, den man über einen Zugang innerhalb des Voodoos sogar direkt erreichen kann - so kann man auch angefangene Getränke mitnehmen ohne sie illegalerweise über die Straße tragen zu müssen. Die Getränke kosten so viel wie in den Pubs allgemein üblich fünf Euro aufwärts und werden in Plastikbechern serviert, auf die zum Glück kein Pfand erhoben wird. 


Freitag ist der erste Festivaltag und dieser umfasst mit vier Bands ein übersichtliches
VIRCOLAC
Billing. APOSTATE VIATICUM, eine Dubliner Kapelle, macht mit steinzeitlichem Old-School Death Metal den Anfang und begeistert die ersten Gäste, die sich langsam im Voodoo einfinden. Danach kommen die ebenfalls aus der Hauptstadt stammenden Iren von VIRCOLAC auf die Bühne. Der Name klingt zwar nach einem Medikament gegen Brechdurchfall bedeutet im Rumänischen aber "Werwolf". Ihr Mix ist schwärzer und hat eine Menge Black-Metal-Elemente im Sound, was richtig gut runtergeht. CRAVEN IDOL ist der erste ausländische Gast auf der Bühne, hat 
aber mit einer Anreise aus London keinen so weiten Weg nach Dublin gehabt, wie etwa andere Gäste des Festivals.
UNDERGANG
Die Engländer haben sogar Kriegsbemalung aufgelegt und fuhrwerken rustikal durch ein primitives Fundament aus Proto-Black-Death. Headliner des Abends ist UNDERGANG. Die Dänen werden schwer gefeiert und gehören mit ihrem aggressiven verotteten Death Metal zu den Filetstücken des Festivals. Der Sänger David Torturdød ist ein besonders sympatischer Geselle und mischt sich immer wieder unters Volk und schaut sich eine Menge anderer Bands im Verlauf des Wochenendes an.

An Tag zwei ist unsere Delegation noch einmal aus Sight Seeing Tour und schaut sich die Moorleichen im Nationalmuseum an (mehr Death Metal in Sachen Kultur
ANGUISH
geht nicht!). Deswegen kommen wir nicht schon zum Beginn des Festivaltages um 16 Uhr ins Voodoo, sondern schlagen erst gegen halb acht vor Ort auf. Verpassen so leider HEAD OF THE DEMON und QRIXKUOR, die vor allem durch ihre Doom-Qualitäten begeistert haben sollen. Mit ANGUISH betritt ein ebenfalls doomiger Act die Bühne, der einen guten Eindruck macht, aber auch nicht gerade außergewöhnlich ist. Deutlich schneller ist ZOM unterwegs - man bellt sich durch ein räudiges Set aus Blackened Death-Metal-Granaten und scheißt auf Abwechselung. Danach kommt mein Favorit des Wochenendes an die Reihe: POSSESSION. Die Belgier tragen Warpaint und bieten eine Black-Metal-Performance, die auf einem Bett aus rhythmischen Schwedentod ruht. Solche mitreißenden Bands kann es ruhig mehr geben!


ADVERSARIAL sorgt im Anschluss für eine Menge zufriedene Gesichter. Ich verpasse ihre Performance zwar, aber höre von vielen Besuchern wie stark ihr black-metallischer Gig gewesen sein soll. Meine Nummer zwei des Wochenendes kommt direkt danach und dreht erneut den Blackened-Death-Hahn bis zum Anschlag auf. LVCIFYRE sorgt mit tiefen Grunts und scharfen Riffs für eine geradezu apokalyptische Atmosphäre im Voodoo. 

Der Headliner des Abends ist MORPHEUS DESCENDS. Hier donnert massiver, amerikanischer Todesstahl aus den Boxen - ein wahre Wand aus Growls und Blasts. Leider ist das Ganze etwas zu gleichförmig und ich streiche bereits vorab die Segel und gehe zurück ins Hostel. Denn ein Tag steht noch aus.

Der letzte Festivaltag beginnt mit den Slowaken von MALOKARPATAN. Teilweise
MALOKARPATAN
sonnenbebrillt und in osteuropäischen Tuniken gekleidet besteigt das Kollektiv die Bühne und man weiß anfangs nicht ob das schon der reguläre Gig ist oder ob das noch der Sound-Check sein soll. Frontmann Temnohor steht gelangweilt am Mikro, eine Hand in der Hosentasche und in der anderen eine Bierflasche. Aber schnell merkt man, dass es sich tatsächlich schon um den eigentlichen Gig handelt - denn die Lieder werden nicht einfach nur angespielt. Eine witzige Mischung aus Rock'n'Roll und Black-Thrash. Außerdem stellt der Gig eine angenehme Abwechselung zum ansonsten eher homogenen Billing des Festivals dar. LUCIFERICON entspricht nämlich direkt wieder dem Grundkonsens der meisten
LUCIFERICON
Bands in Dublin: okkulter Death Metal mit ein wenig Proto-Extreme-Metal-Einschlag im Stile vo
n HELLHAMMER. Apropos HELLHAMMER und Bands aus der Schweiz; danach heißt es nämlich: "schwarz, schwärzer, ANTIVERSUM". Die Eidgenossen sorgen mit viel antikosmischer Stimmung für den atmosphärischsten Gig des Wochenendes. Die Schotten von ELLORSITH bieten im Anschluss okkulten 
LANTERN
Black Metal, der mit tiefen Growls abgerundet wird. Wieder etwas mehr Death Metal in ihrem Sound haben die Briten von SHEOL, auch wenn ihr Grundtenor erneut sehr angeschwärzt ist. LANTERN wiederum gehört zu den etwas bekannteren Vertretern des Billings und wird dementsprechend sehnsüchtig erwartet. Im Verlauf des Gigs spalten sie aber etwas die Gemüter mit einem Gesang, der eher an die erste Platte von CHAPEL OF DISEASE erinnert. Mir persönlich allerdings gefällt der Auftritt sehr gut. Ebenfalls im Untergrund etwas berühmter sind die Jungs von KRYPTS


Die aber auch wieder etwas die Menge spalten. Mir zum Beispiel mangelt es heute ein
CORPSESSED
wenig am Dampf in Sound und es wirkt so als spielten die Finnen heute mit angezogener Handbremse. Vielleicht kehren sie auch heute einfach nur ihre Doom-Anteile stärker als sonst heraus. Genau kann ich es nicht sagen. Möglicherweise ist nach drei Tagen voll mit okkultem und angeschwärztem Death Metal mein Bedarf nach solcher Musik auch einfach gedeckt. Dafür spricht zumindest die Tatsache, dass ich den sehr guten Auftritt der (auch wieder aus Finnland stammenden) Herren von CORPSESSED nicht wirklich mit der Beachtung bedenke, den er verdient hätte, und mir von weiter hinten das Treiben anschaue. Ihr Old-School Death Metal ist nämlich eine wirklich schmackhafte Angelegenheit.


Insgesamt hat sich die Reise nach Dublin auf jeden Fall gelohnt, auch wenn im Billing die großen Killer der aktuellen Todesblei-Welle gefehlt haben. Das hatte zwar den Vorteil, dass ich viele neue tolle Truppen entdeckt habe, aber gleichzeitig Kapellen wie beispielsweise OBSCURE INFINITY, SKELETAL REMAINS oder OPHIS schmerzlich vermisst habe.
Auch der Rahmen des Festivals ist zu spartanisch. Klar, ich erwarte nicht, dass an ein Vergnügungspark aufgefahren wird. Jedoch wäre ein kleiner Catering Stand innerhalb der Halle viel Wert gewesen. Auch gab es weder Hard-Tickets, noch speziell bedruckte Bändchen (man nutzte lediglich einfarbige Pappbändchen am Einlass) und andere Merch-Stände abseits von Dark Descent. 
Im direkten Vergleich zum Killtown Deathfest in Dänemark beispielsweise entstand vielleicht auch deswegen keine besonders begeisterte Stimmung und nur wenige Besucher gingen bei den Bands ab. Versteht mich nicht falsch - als Fan von okkultem Old-School Black und Death Metal kommt auf seine Kosten und das Dubliner Festival hat auf jeden Fall Potenzial, um sich in der europäischen Szene zu etablieren, aber man muss dringend etwas dagegen tun, dass die Veranstaltung mehr oder weniger nur vor sich hinplätschert und die Zuschauer nur dabei statt mittendrin sind (um eine alte Floskel zu bemühen). Noch gebe ich deutschen beziehungsweise kontinentalen Festivals den Vorzug vor der grünen Insel, auch wenn die Anlagen für etwas Großes vorhanden sind.

[Adrian] 

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