Donnerstag, 6. August 2020

Unerhört: Was steckt hinter Beyond The Black?

Verreisen. Für viele Deutsche ist dies Erholungspunkt-Nummer-1. Neue Länder sehen, alte Landschaften genießen. Die heimische Ruhe vom Schwarzwald oder das laute Chaos einer fremden Großstadt. Ich finde Verreisen zum Kotzen. An meinen Urlaubstagen wäge ich daher immer in mehreren Selbstgesprächen ab, ob und wieso ich überhaupt vor die Haustüre treten sollte. Was kümmern mich andere Länder, wenn ich zu Hause einen Kühlschrank habe? Aber auf so eine Reise möchte ich euch auch gar nicht mitnehmen. Ich begehe die neuen Ufer fremder Musik. Also fremd für mich. Um genau zu sein, begleitet ihr mich von den Anfängen des Durchstöberns des Reiseführers bis hin zum letztendlichen Fazit, ob sich diese Reise gelohnt hat. Wie war das Fremde und gab es beeindruckende Hörenswürdigkeiten? Erlebt es mit mir. Die Ländereien, um die es sich dreht, sind mir gänzlich unbekannt. Ich höre mehr über die Band, als dass ich sie mir jemals bewusst angehört hätte. Und so starte ich meine Reise mit großer Skepsis gegenüber BEYOND THE BLACK.
Blättern wir mal fröhlich im Reiseführer. Wikipedia ist da meine erste Anlaufstelle. Die Infos hier sind zwar nicht mannigfaltig, aber guckt man in die richtigen Ecken, erkennt man ein ganz starkes Muster. Die Musiker der Band scheinen hinlänglich tatsächlich ihre Arbeit zu verstehen. Wird doch explizit darauf hingewiesen, dass vier der sechs (ich komme noch dazu) Musik studiert haben. Dass das noch kein Garant dafür ist, auch guten Metal zu machen, auch da komme ich noch später zu. Ansonsten halt das übliche: gegründet 2014, Baden-Württemberg, Symphonic Metal... Es wird ein langer Abend.
Jennifer Haben in jungen Jahren mit Jeanette Biedermann
(Quelle: Facebook)


Die Hauptattraktion ist trotz allem die Frontfrau Jennifer Haben. Und was die "Jenny" hat, ist eine ziemlich bunte Geschichte. Frühkindliche Musikerziehung, mehrere Gewinne in Casting Musik Shows, unter anderem von KiKa und sogar Disney unter dem "Hannah Montana" Banner. Interessant wird es dann bei ihrer ersten Band Saphir. Eine Kinder-Pop-Band, die von UMG - also der Universal Music Group - zusammengebaut wurde. Mit bereits 15 Jahren hatte Frau Haben also einen Vertrag bei der größten Plattenfirma der Welt. Die mit ihrem Networth von schätzungsweise 50 Milliarden US-Dollar sogar Sony und Warner übertrifft. Saphir spielten ihre eigenen Instrumente, so viel muss man den damaligen Kindern zugute halten.

Hilfe beim Texten und komponieren bekamen sie aber von UMG hauseigenen Gesellen. Jasmin Wagner (Blümchen) hat Texte geschrieben, Maya Singh die Musik. Letzte war auch schon verantwortlich für Musik von Christina Stürmer, DJ Ötzi oder Die Prinzen. Die Rezeption war eher ernüchternd. Man schrieb damals, es sei "nichts verwerfliches" wenn "Junge Mädchen für junge Mädchen" Musik machen. Und ich glaube, mehr muss man dann dazu nichts weiter sagen. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, solcherlei Geschichten des Werdegangs junger Mädchen und Jungen sei typisch amerikanisch. Ausgelegt auf Erfolg und möglichst viel Rendite. Musik ist letztrangig, solang der Rubel rollt. Wer so zynisch sein möchte, dem will ich das nicht verbieten. Ich denke ja ebenfalls so.

Danach hat Frau Haben erst mal eine Kreativpause (Harald Schmidt-Fans schmunzeln an dieser Stelle) eingelegt. Irgendwas mit Abi und Studium
Beyond The Black auf dem WOA (Foto: Andreas Lawen)
Musikmanagement. Langweilig. 2014 traten dann BEYOND THE BLACK auf die Wacken Bühne. Angeblich nach einer Demo, die den Wacken Veranstaltern zu Ohren kam. Echt? Also war da kein Major Label involviert. Nicht UMG bei denen BEYOND THE BLACK unter Vertrag sind? Hm. Nun gut. Ich will das mal glauben. Aber allein daran erkennt man die Marschrichtung:  Massentauglichkeit. Und wer ernsthaft behaupten möchte, dass Metal keine massentaugliche Musik sein kann, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Denn bei Wacken war ja nicht Schluss. Hinzu kam das Sat.1-Frühstücksfernsehen und der ZDF-Fernsehgarten. Nein, im ernst. BEYOND THE BLACK waren in Sendungen zu Gast, dessen Zielgruppe ab 55 Jahren startet und beim Pflegefall aufhört. Irgendwie so… un-metallisch. Oder untypisch. Wenn man sich die Interviews anguckt oder durchliest, ist "Jenny" stolz darauf. Sie hat ja gezeigt, was "ihr Genre" kann. Nun, das wirft eine Frage auf. Welches Genre denn genau? Klar, BTB bezeichnen sich selbst als Symphonic Metal - ihre PR Firma macht das im Übrigen ebenfalls. Doch laut "Jenny" ist BTB jedem Genre dieser Welt offen, sie nutzen jeden Stil, der ihnen gefällt. Und sie geht sogar soweit zu sagen, BEYOND THE BLACK wollen gar keinen richtigen Metal machen. Also ist man kein Symphonic Metal? Wieso spielt man dann beim Wacken Open Air? Dem größten METAL Festival der Welt, und gibt dem METAL Hammer Interviews? Das verwirrt mich alles, noch bevor ich auch nur eine Note gehört habe.

Von Außen klingt das für mich nach einem ziemlichen Durcheinander. Man kann sich wahrscheinlich gar nicht so wirklich einigen, was man machen will, wer man sein möchte und welches Publikum man überhaupt ansprechen will. Oder, doch? Ich meine, BTB sind extrem erfolgreich in den Charts, spielen auf großen Festivals und Touren durch die ganze Welt. Nichts Neues für große Metal-Acts. Aber irgendwas kommt mir Spanisch vor. Frau Haben spricht offen in Interviews über 'Ihr Team'. Ich schätze, dass dabei die gesamte Entourage gemeint ist, die UMG BTB zur Seite stellt. Letztendlich nimmt "Jenny" nur davon Gebrauch, was sie schon immer irgendwie in der Hinterhand hatte. "Du würdest das genauso machen" höre ich die ersten Stulpen tragenden Wacken Teenies tippen. Nö, nicht ganz so. Aber das ist hier auch nicht das Thema. Eine Frage, die Jennifer Haben, mit am meisten gestellt wird, fällt mir immer etwas ins Auge: ihr Metal/Musik-Hintergrund und Vorbilder. Sie weicht der Frage tatsächlich ganz gerne aus und gibt an, irgendwie alles zu mögen. Ihre Vorbilder seien QUEEN oder Phil Collins. Ich meine, ist ja okay. Ich mag das auch. Aber als Vorbilder einer Symphonic Metal Band irgendwie schwierig.
BTB auf dem Reload 2015 (Foto: F. Schwichtenberg)
Während ich durch die Nebengassen schlendere, erblicke ich eine Broschüre: Museum für ehemalige Bandmitglieder. Da zieht es mich hin. Während ich in der Broschüre blätter und ich merke, dass mir die Führung zu teuer ist und zu lange dauert, begnüge ich mich mit dem Hauptteil des Museums: Die Band 'BEYOND THE BLACK'. Schnell fällt auf, hier gibt es eine Reihe an ehemaligen Kollegen. Tatsächlich wurde jedes Mitglied, mit Glied, ausgetauscht. Warum, das lässt sich von Außen nicht gänzlich klären. Dafür aber eine ganz andere Sache. Die Band ist nicht existent. BEYOND THE BLACK ist Jennifer Haben. Wer an den Instrumenten spielt, ist völlig uninteressant. Fleischgewordene Pappaufsteller die aussehen wie aus dem "Modern Metal Supermarkt" Discounter um die Ecke. Was sich auch schon daraus erschließt, weil BEYOND THE BLACK ebenfalls den Stempel 'Female Fronted' bekommen haben. Dadurch wird nicht nur fälschlicherweise angedeutet, man sei als Band was besonderes, weil man eine Frau als Sängerin hat. Ebenfalls werden die restlichen Mitglieder zu Hintergrundmusiken verdammt. "Wie heißen die anderen Mitglieder gleich?" Frage ich etwas unbeholfen einen der Angestellten, "Steht auf der Plakette" bekomme ich etwas entrüstet zurück. Aber die Plakette ist nicht bedruckt. "Hm, mit Messing verchromt ...", denke ich mir noch und mache mich danach auf in Richtung "Hørizøns"

Ich komme also am "Hørizøns"-Platz an. Merkwürdiger Titel für eine deutsche Symphonic Metal-CD. Aber reiht sich wohl ein in die neumodische Sparte "Hauptsache anders". Man hätte es auch einfach Horizons nennen können. Egal. Bei näherer Betrachtung von Tracklist und CD-Cover stelle ich mir zwei Fragen:

1. Wieso covert man als Symphonic Metal-Band "Some Kind Of Monster" von Metallica?

2. Was macht die ganze H&M oder C&A Werbung hier?


Erste Frage wird mir beantwortet durch das Hören des Albums. Und das möchte ich gerne so lange wie möglich hinausschieben. Also konzentriere ich mich auf die zweite Frage. Auf dem Platz steht auch eine Gruppe mit pummeligen Gothen-Mädels und ihren schlaksigen, hochgewachsenen Freunden. Die Nietenarmbänder sagen: Vorsicht, ich bin gefährlich. Die Stulpen sagen: Vorsicht, ich dusche nur zwei mal die Woche. Ich habe mich trotzdem getraut zu fragen und bekomme prompt ins Gesicht geschrien, das ist das Albumcover und keine Modewerbung. Tja, da bin ich denen ja schön auf den Leim gegangen. Bevor ich dann aber einen Platzverweis bekomme, weil ich die 3 von 10 Punktewertung von Metal.de anspreche, höre ich es lieber selbst (das ‘lieber’ ist im Übrigen eine Lüge). 
Jenny auf dem Rock Am Ring 2019 (Foto: Andreas Lawen)

Weil dies mein erster Reisebericht ist, möchte vorerst eins klären: Es geht mir nicht darum, eine vollständige Review zu verfassen. Es wird ein Überblick, meine Meinung 'in einer Nussschale'. Auf einige Elemente oder Songs werde ich wahrscheinlich dennoch eingehen. Eine abschließende Bewertung mit Punkten, wird es aber keine geben. Nun aber zum Album:

Ich fühle mich verarscht. Ich bin exakt so schlau wie vorher. Was soll denn das sein? Hallo? Versteht mich jemand? Okay, ich brauche einen Moment. Ich sehe ein kleines Café und beschließe, meine Gedanken zu sammeln. Viele vergleichen das Album mit 'Pop meets Metal'. Ich erkenne da aber tatsächlich auch jede menge Spuren von derzeitigem Alternative, also rockige Popmusik für das Radio. Auch die Videos und Live-Mitschnitte auf YouTube sind so aufgebaut. Eine Sirene im Vordergrund, versucht unwissende EMP-Metaller, in ihren Bann zu ziehen. Sie auf ewig zu binden, in der Metal-losen Welt der Möchtegerns. Pommesgabel (oh, ich muss kurz brechen. Der Kaffee war schimmlig) erhoben in der Luft und dem Glauben, hier passiert gerade großes Kino. Das Gegenteil ist der Fall. Es plätschert lasch vor sich her. Und das, obwohl die Gitarristen und der Drummer alles aus ihren Schauspielkünsten hergeben, um dann doch nur zu scheitern. Rockstars seid ihr nicht, also hört auf euch zu benehmen wie James Hetfield oder Zakk Wylde. Oh stimmt, was ist denn nun mit 'Some Kind of Monster'? Nun, nichts. Ich dachte mir schon, dass es sich hier um kein Cover handelt. Stattdessen ist dieser Song ein schönes Gesamtbild für das ganze Album. Frau Habens Stimme ist präsenter als alles andere. Der Mix ist überladen mit Synthies und die Gitarren sind komplett in den Hintergrund gedrückt. Die Songs sind langweilig aufgebaut. In den überwiegenden Fällen, tun es Standard-Akkorde gemixt mit Standard-Schlagzeug gefuchtel. Inspiration von Phil Collins, einem der besten Pop- Künstler und Schlagzeuger? Nö. QUEEN? Ach, hör doch auf. Hørizøns wird von einigen Mutigen mit Power Metal verglichen. Dabei geht mir fast die Hutschnur. Allerdings haben Leute die diesen Vergleich ziehen, auch wahrscheinlich noch nie VICIOUS RUMORS oder RUNNING WILD gehört. Dieses Album, genau wie BEYOND THE BLACK, weiß nicht, was es sein will. Es versucht sich bei den Poppigen-Rockern der Radiogeneration anzubiedern und die noch im jugendlichen Eifer alles ab feiernden Neu-Metaller abzuholen. Viel gewollt, nur wenig gekonnt. 

Zum Schluss möchte ich gerne eine Sache ansprechen, die mir quer im Magen liegt. "Jenny" ist nämlich der Meinung, nur "Hater" oder die die sich als "True" bezeichnen, kritisieren ihre Musik. Nur Fans, und Leute, die gerne Symphonic Metal hören, hätten Kritik zu üben (und aus diesen Reihen gäbe es keine, laut ihr). Mal davon abgesehen, dass dieses Verhalten eher einer 10-Jährigen ähnelt, deren Gesang man nicht mag - "Meine Freunde finden das schön!" - ist solch eine Ansicht äußerst arrogant. Hat man da zufällig einen PR-Berater aus dem Raum Emskirchen eingeschaltet? Letztendlich wertet damit Frau Haben jeden Kritiker als engstirnig ab, nimmt diesem zudem gleichzeitig jegliche Kompetenz und bezeichnet selbst konstruktive Kritik als unwertig. Wäre schön, so eine Welt, oder "Jenny"? Eine Welt in der Kritik nicht vorhanden ist und man in seiner eigenen Echoblase nur Lob bekommt. Diese Welt existiert aber nicht, egal wie sehr man es sich wünscht. Und wenn man als Künstler seine Kunst der Öffentlichkeit zeigt, muss man damit rechnen, Kritik dafür zu bekommen. Ob nun konstruktiv oder abwertend ist dabei nicht von Relevanz. Aber wie man damit umgeht schon. Und dieses wegschieben von Kritik, ein taubes Ohr in diese Richtung zu halten, ist wahrscheinlich auch der Grund, warum BEYOND THE BLACK so sind, wie sie sind und auch immer so bleiben werden: Beliebt bei ihren Fans, irrelevant bei jedem anderen. Die selbst ernannte "erfolgreichste Symphonic Metal Band Deutschlands" (Zitat: universal-music.de) die laut ihrer Frontfrau weder Metal noch Symphonic ist. Uff. Bin ich froh, wieder zu Hause zu sein.


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