Dienstag, 8. Oktober 2019

CD-Review: Blut Aus Nord "Hallucinogen"

Normalerweise versuche ich in diesen Teasern am Anfang einer Rezension irgendeine Form von Spannung aufzubauen. So nach dem Motto: "Schauen wir einmal zusammen, ob das Album gut oder schlecht ist" - heute verzichte ich ganz bewusst darauf. Denn "Hallucinogen" von BLUT AUS NORD ist das beste Album, das ich dieses Jahr (bisher) gehört habe. Nachdem wir nun jedes Überraschungsmoment in diesem Artikel ermodert haben, gehen wir zu einer ausführlichen Beweihräucherung dieser Scheibe über. 

Auch wenn ich ein großer Fan der französischen Black-Metal-Bewegung im Allgemeinen und von BLUT AUS NORD im speziellen bin,
gibt es auch ohne frankophile Brille so unglaublich viel an dieser Scheibe zu lieben. Das beginnt bei den meterhohen Klangwänden, von denen messerscharfe und zu gleich singende Riffs herabschallen, und verliert sich in dem schier endlosen Ozean aus herrlichen Melodien, die postrockenden Minimalismus mit metallischer Epik verheiraten, was mir in jeder Sekunde der knapp 49 Minuten dauernden Spielzeit einen wohligen Schauer über den Rücken jagt (hört euch einmal 'Sybelius' an um zu verstehen, was ich meine). Ebenfalls zu begeistern weiß der intelligente Einsatz des Gesangs. Jeder Scream, jede chorale Note und jedes Wispern haben ihre Daseinsberechtigung, tragen etwas zur Atmosphäre im jeweiligen Gesamtkontext bei und wirken niemals beliebig. Das gelingt auch  gerade deswegen, weil man sich traut auch über sehr weite Passagen entweder völlig auf Vocals zu verzichten oder sie bewusst im Hintergrund zu belassen. Natürlich sind sie nicht die ersten Musiker, die das so machen, aber im Gegensatz zu den allermeisten Avantgarde-Bands, die meinen große Emotionen und Klangwelten erschaffen zu können, wissen die Normannen wie man solche Passagen spannend hält. Dabei meistern sie den Balanceakt aus Vermeidung von Monotonie und der Gefahr die Songs zu überfrachten geradezu mühelos. Ich kann es ehrlich gesagt gar nicht genau beschreiben, wie es diesen  Teufelskerlen gelingt gleichzeitig repetitiv und abwechslungsreich,  atmosphärisch und treibend sowie sphärisch und nachvollziehbar zu sein, aber irgendwie schafft man es alle Aspekte so abzuwägen, dass man der kompositorischen Perfektion sehr nahe kommt. 
Ist  "Hallucinogen" also das beste Album, dass BLUT AUS NORD jemals veröffentlicht haben? Schwer zu sagen - immerhin hat das Gespann aus Mondeville in mittlerweile 25 Bandjahren so viele Wandlungen durchgemacht, dass man ihre Scheiben nur schwer vergleichen kann. Das man sich diese Frage aber überhaupt nach einem Vierteljahrhundert mit diesem Trio (beziehungsweise inzwischen Quartett) stellt, beweist was für unheimlich gute 
Musiker hier hinterstecken. So viele Gruppen fallen mir nicht, die nach über zwei Jahrzehnten ihren Zenit noch immer nicht erreicht zu haben scheinen.
Wenn ihr ernsthaften Metal sucht, der mit durchdachten Ideen überzeugt und einen Aufbau besitzt, der einer Wagner-Oper gleicht, dann seid ihr hier genau richtig. Denn das Album empfängt euch mit offenen Armen, braucht keine zehn Runden um zu zünden und bietet dennoch auch nach drei Dutzend Umläufen noch gut genug Details, die entdeckt werden wollen. Oder kurzum: C'est une belle œuvre d'art!
Ab dem 11.10.2019 gibt es das Album auch auf allen gängigen Tonträgern via Debemur Morti Productions.

10 von 10 Punkten

[Adrian]

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