Mittwoch, 3. Oktober 2018

Live-Review: Party.San Open Air 2018 (Part 3)

Inzwischen ist das Party.San Open Air seit fast zwei Monaten Geschichte und wir haben es immer noch nicht geschafft alle Tage zu behandeln. Bis jetzt! Denn mit diesem Teil schließen wir die Aufarbeitung des Festivals ab und können uns wieder anderen Live-Events widmen. Hier nun also endlich der finale Bericht zum Samstag auf dem Flugplatz Obermehler. Wer die Berichte zu Donnerstag, Freitag und der Zeltbühne bisher nicht gelesen hat, kann dies gerne noch nachholen.

Samstag morgens auf einer Wiese nahe Schlotheim in Thüringen. Eine verkaterte und abgekämpfte Meute von Festivalbesuchern macht sich ein letztes Mal dazu bereit sich auf dem Party.San Open Air 2018 die Ohren durchpusten zu lassen. Die verbliebene Energie und die körperlichen Ressourcen haben deutlich abgenommen, weswegen auch der Auftritt von GORILLA MONSOON um 11 Uhr vormittags keine Beachtung finden kann, auch wenn der Sludge-Sound sicherlich gut zur aktuellen Stimmung in unserem Camp gepasst hätte.
Razorrape (Foto: Adrian)
Der Auftritt der Schweden von RAZORRAPE um 12 Uhr ist bereits unchristlich genug und es erfordert schon genug Überwindung den gemütlichen Regiestuhl zu verlassen. Jahrelang waren die Skandinavier laut Festivalansager nur als Gäste in Schlotheim und stehen nun als Samstagopener auf der Bühne, um uns Songs wie 'Diarrhea Bucket' zu präsentieren. Das Prädikat des Auftritts ist schnell gefunden und lautet "ganz nett". Der einfache Deathgrind taugt für das kostümierte Frühstückspublikum dazu sich gemächlich bis rasant im Circle Pit zu bewegen - interessant ist dabei noch, dass die Vocals vom Drummer geliefert werden. Vom Hocker reißt das Ganze zwar nicht, aber so lange die Menge unterhalten wird, wurde die Mission erfüllt. 
Ernsthafter wird es im Anschluss mit GRAVEYARD. Die Katalanen spielen Old-School Death Metal, wie man ihn in den letzten Jahren häufiger gehört hat.
Graveyard (Foto: Adrian)
Obskur, düster und walzend sind die Adjektive, die mir in diesem Zusammenhang einfallen. Wer die Bewegung während der aktuellen Dekade verfolgt hat, weiß was gemeint ist und weiß was er hier zu erwarten hat. Im Grunde kann man auch hier das gleiche Schreiben wie bei den anderen neuen, alten Death-Metal-Truppen des Party.San Open Airs. Wirklich herausstechend ist nur die eindrucksvolle Performance von Fronter Julkarn, der sehr viel Pathos in seine Darbietung legt und dabei die Augen aufreißt als wäre er von einem Dämon besessen. Kurzum, hier gibt es soliden Totenstahl, den man sich ruhig mal geben kann, wenn man von der harten Seite des 1990s Sound nicht genug bekommen kann.
In der Folge spielen dann die Jungs von WOLFHEART, deren Auftritt ich zu Gunsten eines Mittagessens ausfallen lasse. Allerdings klingt ihr dezent melodische Death Metal aus der Entfernung auch nicht sonderlich verlockend, dass ich mich unbedingt vor die Bühne begeben müsste.

[Adrian]

Schon vor dem Gig rollen die Harten im Garten die Augen; "Ah, gleich kommt der Studenten Black Metal, da können wir ja Bier trinken gehen." Nicht ganz zu
Harakiri For The Sky (Foto: Adrian)
Unrecht, natürlich, jedoch auch etwas kleingeistig. Selbstverständlich stellen relative Newcomer auf diesem Festival, HARAKIRI FOR THE SKY kaum den elitären Status dar, der sich von so vielen gewünscht wird, allerdings stellt sich diese Abwechslung als beinahe notwendig heraus. Im Tageslicht viel mehr zuhaus als andere Black Metal Bands, die in diese ungewohnte Umgebung verbannt wurden (wir blicken in eure Richtung THE COMMITTEE), sind die Österreicher mit ihrem postigen Black Metal beinahe ein notwendiges aufatmen zwischen den etwas extremeren Genres. Eine Leadgitarre die stets eine tragende Stimme aufzuweisen mag, eine Rhythm Guitar, die sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängt und ein klassischer Post-Rock / BM-Takt seitens des Schlagzeugs sorgen für die richtige Menge aus Atmosphäre zum seichten Mitschwingen in der Mittagssonne und gelegentlichen Ohrfeigen zum wachrütteln. Allerdings muss man auch zugeben dass die Umstände etwas dafür sorgen, dass sich der Auftritt etwas zieht; vielleicht sind es die Songs, die mehr für das Dunkel und etwas meditative Einsamkeit geschrieben sind, oder die schiere Länge der Stücke, aber nach einer Weile reicht es dann auch wieder. Trotz allem ein Auftritt, der zu überzeugen weiß und deutlich hätte daneben gehen können.
Wer ist schon noch eine der großen Persönlichkeiten im Black Metal? Der ursprünglich aus kleinem Kreise erwachsene Personenkult der Neunziger & Co
Carpathian Forest (Foto: Adrian)
scheint sich langsam in Wohlgefallen aufzulösen, mit einigen wenigen, die noch immer den Status eines Einzelnamen genießen, für den sich Leute bewegen. So stehen dann zumindest doch für Nattefrost und Kultband CARPATHIAN FOREST noch einmal alle vor der Bühne an, selbstverständlich in hellstem Tageslicht, wie es eben auf dem Party.San so der Brauch ist und lauschen dem Ergebnis derer musikalischen Taten. Das Fazit: "Hm - Ging so." Tatsächlich erweisen sich die alteingesessenen Black-Metal-Profis als überraschend durchschnittlich in dieser Instantiierung. Natürlich kommen während einigen Mid-Tempo Klassikern noch einmal Frühlingsgefühle bei einigen Fans auf, aber alles in allem ist man doch mehr nur dabei als mittendrin. Vielleicht liegt es an dem Ausbleiben von SM-Exzessen im Umkreis, oder doch an der Uhrzeit und einem Slot kurz vor Heavy-Metal-Urgestein EXCITER, welches ein gewisses Klientel an Fans anlockt, wie dem auch sei - wirkliche Stimmung weiß nicht aufzukommen. Nicht mies, aber mehr als mittelmäßig. 
Wer es geschafft hat sich seit gefühlt 100 Jahren mit Heavy und Speed Metal
Exciter (Foto: Adrian)
über die Runden zu bringen hat durchaus mal einen Besuch verdient, selbst wenn die Mittagssonne und der mittlerweile übermäßige Konsum langsam gen Stuhl verführen. Die alteingesessenen Herren von EXCITER wissen zum Glück ein wenig aufzuwecken: Es ist deutlich dass auch nach so vielen Jahren noch eine Menge Spaß am klassichen Heavy Metal vorherrscht und diese rar gesäte Abwechslung auf dem Festival kommt ebenso gut bei den Old-School Fans an. Andere mit weitaus weniger Interesse oder Kenntnis der Klassiker merken allerdings an, dass der Gig sich etwas gleichförmig dahin schleift; zwar kommen immer mal wieder Momente auf in denen die Menge vollkommen durchdreht, beispielsweise beim Klassiker 'Heavy Metal Maniac', aber ansonsten fehlt hier einfach ein gewisser Antrieb. Die ganzen Mid-Tempo Songs helfen dem nicht unbedingt ab.

[Sunny]




SADISTIC INTENT sind sicher eines der ungewöhnlicheren Death-Metal-Urgesteine. Die Herren aus Los Angeles sind seit 31 Jahren aktiv, haben es allerdings noch nicht fertig gebracht, ein vollständiges Album abzuliefern. Ist das aber überhaupt ein Problem? Nein, eigentlich nicht, wenn man dem Auftritt beiwohnen darf, kann es eigentlich nur dieses Fazit geben. Derart fies, derart düster, klingt keine andere Death-Metal-Band an diesem Wochenende, von der reinen Qualität der Songs wie 'Impending Doom' und 'Morbid Faith' mal ganz abgesehen. Und auch wenn ich eigentlich eher der europäischen Death-Metal-Schule zugetan bin liefern die Gebrüder Cortez einen der, wenn nicht sogar den stärksten Auftritt des Wochenendes, der einigen jungen Bands durchaus Orientierung geben sollte.

[Nezyrael]

PESTILENCE ist Patrick Mameli - der Niederländer ist als letztes
Pestilence (Foto: Adrian)
Gründungsmitglied untrennbar mit dem Namen der Prog Deather aus Enschede verbunden. Zuletzt gab es einen Eklat um Dinge, die Mameli im Internet von sich gegeben hat und die vom Webzine Metal Sucks ziemlich hochgekocht wurden, was soweit ging, dass die Band ihre US-Tour canceln musste. Auf dem Party.San Open Air wird man allerdings mit offenen Armen empfangen und eine interessierte Menge findet sich bei einer tiefstehenden Sonne vor der Hauptbühne ein, um mit einem Bier in der Hand nicht 'Dehydrated' zu sein und den 'Commandments' von der Bühne zu lauschen. Mameli sieht heute ganz besonders angriffslustig aus und spielt mit seiner headless Gitarre (die meiner Meinung nach zu der hässlichsten Klampfenfamilie gehört) einen aggressiven Gig runter. Ehrlicherweise hätte ich die Niederländer nicht so stark auf dem Zettel gehabt - eine wirklich positive Überraschung an diesem Nachmittag. 

Tribulation (Foto: Adrian)
"Brüste raus, es ist Sommer!", tönt eine Gruppe mittelalter Herren neben mir während des Gigs von TRIBULATION. Ich weise sie allerdings darauf hin, dass die Band nur aus Kerlen besteht. Tatsächlich wirkt die inzwischen sehr gotisch angehauchte Gruppe von mal zu mal androgyner und mischt ihrer Show auch immer mehr Travestie bei. Persönlich habe ich kein Problem damit und auch die allermeisten Besucher scheinen sich nicht zu pubertären Machosprüchen hinreißen zu lassen. Denn musikalisch machen die Schweden alles richtig. Natürlich hat man sich weit entfernt vom Blackened Death Metal der frühen Tage, aber auch dieser Stilmix aus traditionellem Heavy Metal, Dark und Gothic Metal steht dem Quartett gut zu Gesicht. Dieser Auftritt hebt sich in jedem Fall deutlich vom restlichen Billing des Abends ab.

Brujeria (Foto: Adrian)
Wäre die Running Order eine sportliche Rangliste, dann würden BRUJERIA mit ihrem Slot Bronze abräumen. Ihr Engagement auf der Bühne würde das sicherlich auch rechtfertigen, aber bei mir will der Funke heute trotzdem nicht überspringen. Das mexikanische Image mag auf den ersten Blick für etwas frischen Wind auf dem Extreme-Metal-Festival sorgen, aber auch dieses Gimmick nutzt sich schnell ab. Jede Ansage beinhaltet irgendwas mit "Loco" und wie es sich gehört für einen Lateinamerikaner wünscht man Donald Trump auch nicht gerade das Beste. Es gibt Sonderpunkte für diese Spitzen gegen den US-Präsidenten, aber insgesamt ist auch mit zwei Shoutern der Gig eine ziemlich eintönige Angelegenheit. Ihr klassischer Grindcore verdient zwar Respekt, aber kann mich heute nicht mehr als drei Songs lang begeistern, bevor ihr mir den Rest vom Zelt aus anhöre.

Tankard (Foto: Adrian)
Ich mache es kurz: TANKARD ist für mich heute der wahre Headliner. Ich habe die Frankfurter schon zigmal gesehen - zuletzt erst in Essen auf dem Nord Open Air - genug bekomme ich vom Alcoholic Metal der Hessen aber nie. Das liegt vor allem, dass man bei ihnen nicht nur die alten Gassenhauer wie 'The Morning After' oder 'Zombie Attack' hören will, sondern auch neuere Songs wie 'A Girl Called Cerveza' oder 'Rules For Fools', die eine Menge Spaß machen und mit den Klassikern mithalten können. Gerre ist sowieso mal wieder in topp-form und freut sich dass er dieses Mal sogar eine Pyro Show nutzen kann. Das obligatorische 'Freibier für Alle' wird  zwar wieder einmal vom Veranstalter verwehrt, aber mit 'Empty Tankard' wird dann noch einmal kräftig nachgelegt. So geht Co-Headliner! Völlig zu Recht sind die vier Eintracht-Fans Mein Highlight des Wochenendes!

[Adrian]

WATAIN hat dann die eher unangenehme Aufgabe, den Samstagsabschluss des
Watain (vom VIP Camp aus) - (Foto: Adrian)
Festivals zu geben. An sich ist man zwar Headliner, aber viele Leute sind schon auf dem Heimweg oder haben einfach nicht mehr die Energie, wie Sie für einen Headliner angemessen wäre. Vielleicht auch aus diesen Gründen fand ich den Auftritt der Herren eher wenig unterhaltsam, vielleicht liegt es aber auch einfach daran dass man die Herren mittlerweile so oft gesehen hat, und so aufwändig ihre Show auch ist, irgendwann wird es einfach etwas langweilig. Das Songmaterial der Herren ist nicht das Problem, Songs wie 'Stellarvore', 'Malfeitor' und 'Waters Of Ain' sind einfach stark, und der Fokus liegt auch nicht zu sehr auf den neusten Outputs der Band, die meiner Meinung nach nicht die Qualität der Scheiben bis einschließlich der "Lawless Darkness" erreichen. Für Fans der Band sicher ein guter und zufriedenstellender Auftritt, für mich allerdings ist das Outro das willkommene Signal, mich ins warme Zelt zurückziehen zu dürfen, da die letzten Tage irgendwann ihren Tribut gefordert haben.

[Nezyrael]

Keine Kommentare:

Kommentar posten