Samstag, 4. Februar 2017

Editorial: Metal in Zeiten von #Hashtags und Like-Buttons

Wenn man sich in seiner eigenen kleinen Blase bewegt und dank Google- und Facebook-Algorithmen auch nicht dazu gezwungen wird seine Komfort-Zone zu verlassen, dann merkt man gar nicht, dass seit dem Tod des Nu Metals und Erschlaffen der Metalcore-Bewegung immer noch neue Trends im Bereich harter Populärmusik entstanden sind. Eben diese beiden umstrittenen Genres haben nämlich Erben gefunden. Früher waren VIVA und MTV Indikatoren dafür, welche musikalischen Genres en Vogue sind. In Zeiten von Social Media und Smartphones hingegen, bilden sich Trends anders als früher heraus und sind für ältere Semester nicht mehr so leicht nachzuvollziehen. 

Eskimo Callboy
Wir reden hier von einem Eisberg dessen Spitze WE CAME AS ROMANS, ESKIMO CALLBOY und CALLEJON bilden, die man auch als klassischer Metal-Fan aus Review-Sektionen der einschlägigen Magazine oder durch Tourplakate kennen kann. Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang weit mehr Kapellen, die an einem großen Teilen der alteingesessenen Szene vorbeigehen, und trotzdem zehntausende Likes, Suscriber und Follower im Netz erreichen. Rein musikalisch sind sie wie ihre Mainstream-Vorgänger aus den 90ern und frühen 2000ern Mischungen aus Metal, Rock, Hardcore, Rap und Elektronik, wobei jede Kapelle den Anteil der Zutaten selbst bestimmt - was ebenfalls eine Parallele zu früher ist. Neu ist eigentlich nur, dass Trance und Dubstep den Weg in die Gitarrenmusik gefunden haben und ebenfalls von einigen Acts verbaut werden. Wie stark dabei auch Online-Promotion die Musik und vor allem die Videos beeinflusst beweisen Truppen wie TO THE RATS AND WOLVES oder DESASTERKIDS

Hier wird sehr stark auf die Optik geachtet. Masken, Schminke, Effekte und Horror-Szenarien gehören inzwischen scheinbar wieder zum Standard. Und auch
Groovenom
wenn Rock und Metal schon immer schräge Künstler mit verrückter Bemalung oder Outfits hervorgebracht haben (angefangen bei ALICE COOPER über KING DIAMOND bis hin zu ROB ZOMBIE), wirkt heute alles irgendwie schriller und auffälliger, um sich im Wust der Thumbnails und Newsfeeds durchsetzten zu können. Das beste Beispiel ist GROOVENOM (der Name tut schon weh - ich weiß) und ihr Track 'FCK MTL'. Hier wird mit aller Gewalt versucht aufzufallen. Einmal mit Corpsepaint, dann mit einem knalligen Magenta im Hintergrund und einem provozierenden Titel (in hipper RUN-DMC-Schreibweise). Musikalisch hat man nicht viel zu bieten - ein akustischer Unfall aus CALIBAN und Techno. Selbst WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER - die mitverantwortlich für diesen Trend sind- nimmt diese sozial-vernetzte Trendoptimierung in 'Klicks. Likes. Fame. Geil!' zynisch auf die Schippe.

Ebenfalls gekonnt auf den Punkt bringen es NEKROGOBLIKON mit 'We Need A Gimmick' - einem Track, in dem sie vor allem visuell zu ergründen versuchen, wie man eine Internet-Sensation wird. Eine allgemeingültige Antwort finden sie nicht, aber zeigen auf, dass es im Internet eigentlich nur darum geht aufzufallen.

Puristen, Metalheads der alten Schule und jeder um die 30 Lenze mag sich nun vielleicht fragen, ob diese Vermischung von Selbstdarstellung und
kalkulierter Hype-Erzeugung eine Gefahr für den Metal an sich ist. Die Geschichte allerdings hat uns bisher gelehrt, dass weder Nu Metal, Grunge oder Hair Metal die metallische Bewegung nachhaltig beeindruckt haben. Vielmehr haben diese Trenderscheinungen schon immer nur ein Gateway für junge Musikenthusiasten gebildet, dass ihnen den Weg in die Tiefen der harten Sechssaiter gewiesen hat - sofern sie nach dem Abflauen des Trends nicht das grundsätzliche Interesse an brutaler Musik verloren haben. Wie wir es bereits vor Monaten in einem anderen Editorial postuliert haben, sind Trends wichtig, um junge Menschen für Metal zu begeistern - allerdings heißt das nicht, dass man neumodische Absurditäten wie Trancecore oder Rapcore gut finden muss. Verdammt nein! Denn am Ende des Tages haben alle diese modernen Bands nichts mit Metal zu tun - viele dieser neuen Kapellen sind mehr Boygroup oder Cosplayer als echte Künstler, die in einer Subkultur interessiert sind. Weswegen es umso wichtiger ist, gute und hand-gemachte Musik zu unterstützen und sich im Untergrund zu engagieren. Damit es auch in Zukunft eine Szene gibt, in die junge Metaller hineinwachsen können beziehungsweise in die man sich nach seiner Beendigung Adoleszenz Komfort-Zonen-technisch zurückziehen kann.

[Adrian]

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