Montag, 25. Juli 2016

Classic-Review: Dayglo Abortions "Out Of The Womb"

Kanada steht, trotz vieler großartiger  Metal- und Punk-Bands, immer noch im Schatten der USA. Man denkt beim zweitgrößten Land der Welt eher an Bäume, Schnee und Elche als an schnelle Gitarren und zorniges Gezeter. Da werden Bands wie RAZOR oder D.O.A. schnell vergessen, obwohl diese in ihrer jeweiligen Szene als absolute Pioniere gelten. So will zum Beispiel die Legende D.O.A. den Begriff Hardcore als erstes geprägt haben. Eine andere klassische und wirklich oft übersehene kanadische Hardcore-Punk-Band bilden die DAYGLO ABORTIONS und deren erstes Album "Out Of The Womb" - welches 1981 das Licht der Welt erblickte und ebenfalls beweisen konnte, dass Kanada viel mehr zu bieten hat als hübsche Landschaften und kaltes Klima. 
Hier rumpelt der Zorn in seiner unfreundlichsten Weise. Songs wie 'Religious
Bum Fucks' oder 'I Killed Mommy' stehen alle irgendwie zwischen ironisch pubertärer Provokation, Nihilismus und Gesellschaftskritik - also die besten Zutaten für ein großartiges Punk-Album. Textlich klingt es zwar nicht so als wären die DAYGLO ABORTIONS etwas besonders, aber die Härte der Inhalte fickt alles weg und die Attitüde versetzt den Hörer in einen Zustand zwischen schmunzeln und schlucken (>I killed my mother when I was 10 - I fucked my sister with vaseline - I hung my daddy with a telephone wire - now there's nobody left - so I may as well fire - I wanna die by suicide – Suicide<). Das sind Texte bei denen eure Eltern wohl auch heute noch an die Decke gehen - zeitlos provokant und großartig.
Was musikalisch geboten wird, ist sehr metal-lastiger Hardcore-Punk (trotz des damals für die Szene üblichen Metal-Bashings – siehe 'Black Sabbath'). Ich kann mir gut vorstellen, dass Bands wie METALLICA oder SLAYER dieses Album auch mit gewisser regelmäßig gehört haben, den von Tempo und Produktion her wird hier viel geboten, was sich dann zwei bis drei Jahre später in diversen Thrash-Metal-Erstwerken wiederfinden ließ. Das Album ist musikalisch recht simpel, was vermutlich an der Jugend der Band und dem Stil im allgemeinen liegt, aber dennoch sind die meisten Riffs sehr stark und dazu noch eingängig gestaltet (zum Beispiel 'East Indian' oder 'I am My Own God'). Die Band überzeugt immer wieder mit genug Spielfreude, um sich über die Zweckmäßigkeit vieler Punk-Bands und deren Instrumentalisten hinwegzusetzen. Drummer und Bassist sind tight und gut aus der Mischung raus zu hören. Die Produktion ist für ein Punk-Album genau richtig, jedes Instrument klingt herrlich kratzig und ranzig, ist aber klar aus dem Mix heraus zu hören. 

"Out Of The Womb"  ist ein herrlich gemeines Album, manchmal nur der Gemeinheit wegen und manchmal um dem Zuhörer etwas mitzuteilen - nicht umsonst haben die DAYGLO ABORTIONS mit einem späteren Album (gemeint ist "Here Today, Guano Tomorrow" von 1988)  in Kanada einen "Obscenity Trial" ausgelöst, ein echter Ritterschlag für jede Punkband. Selbst 35 Jahre nach dem erscheinen büßt das Album kaum etwas von der Härte ein.
Sharpe Records veröffentlichte diesen Dreher 1981. 
  
8 von 10 Punkten

[Moritz]

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