Sonntag, 24. Mai 2015

Live-Review: Spiders und Nitribitts

Die Rangierbar in Flörsheim hat sich in den letzten Jahren immer mehr zu einer festen Größe in der Rock-Szene des Rhein-Main-Gebiets gemausert. Vor allem lokale Bands haben zuletzt großartige Auftritte in diesem alten Bahnhofsgebäude hinlegen können. Mit den schwedischen Senkrechtstartern SPIDERS ist eine international-bekannte Truppe im hessischen Fluglärm-Hotspot aufgeschlagen und zieht ungeahnte Aufmerksamkeit auf sich.

Dreiviertel aller Karten sind laut Veranstalter im Vorverkauf weggegangen, weswegen ein frühes Erscheinen für Abendkassennutzer obligatorisch ist. Kurz nach 20 Uhr sind aber noch ausreichend Karten verfügbar und bevor um etwa 21:15 dann der Opener NITRIBITTS auf die Stage steigt, hat man so noch reichlich Zeit das laue Wetter vor der Location bei einem kühlen Bier zu genießen. Es ist schon eine Menge los und die Laune bei den meisten Besuchern ist gut. Davon profitiert dann schließlich auch die lokale Vorband, die vor einem (für Rangierbar-Verhältnisse) staatlichem Publikum ihr Set beginnt. Die Wiesbadener 70s-Rock-Bands erinnert an MOTÖRHEAD, ACDC und ZZ TOP (wie sie in ihren Anfangstagen klangen) und macht einen sehr energetischen Eindruck. Die Garagenrocker verabschieden heute ihren Basser, der vorerst zum letzten Mal mit seinen Kollegen auf der Bühne steht, nichtsdestotrotz gibt es hier keine Spur von Wehmut. Die Hessen reißen einen steilen Gig herunter, der vor allem von durch die alles andere als hüftsteife Performance von Sänger Marc wunderbar angeheizt wird. Die alten Hasen wissen genau was sie tun und suchen immer wieder den Kontakt mit dem Publikum und ernten breite Zustimmung als sie in einer Ansage ihren Unmut über das Erreichen der Bundesliga-Relegation durch den HSV zum Ausdruck bringen. 
Insgesamt ein toller Gig, der richtig gut darauf einstimmt, was noch folgen soll.
Denn als kurze Zeit später die SPIDERS auf die Bühne kommen, ist der Laden besonders gut gefüllt und ich bekomme nur gerade so einen Platz ganz vorne, aber stehe dadurch direkt vor Frontfrau Ann-Sofie, die zwar unheimlich zierlich
und klein erscheint, aber eine Bühnenpräsenz hat, dass es schon fast unheimlich ist. Anfangs noch mit einem Mantel im Diskokugel-Look auf der Bühne gibt sie von Sekunde eins an 100% und animiert mit viel Körpereinsatz und Agilität (mehr als nur einmal mischt sie sich unter die Menge vor der Bühne) die Zuschauer zum Mitmachen. Die Schweden entpuppen sich für alle die bisher noch keinen Kontakt mit Ihnen gehabt (so wie ich) als echtes Power-House, das den Hörer sofort einfängt. Nicht viele Bands schaffen es Menschen mitzuziehen, die zuvor mit den eigenen Songs noch nicht vertraut waren, so sehr zu begeistern, aber für die Skandinavier scheint das gar kein Problem zu sein. Sie machen die Rangierbar kurzerhand zur ganz großen Bühne und geben sich so souverän und selbstbewusst, dass man nicht glaubt hier eine Band zu sehen, die es gerade mal fünf Jahre gibt, sondern es mit einer Szene-Legende zu tun zu haben, die bereits seit Jahrzehnten die ganze Welt verzaubert. Das Prädikat "Genial" verdient aber auch das Song-Writing. Lieder wie 'Control', Give Up The Fight' oder auch 'Stendec' sind nur drei Beispiele für eine bärenstarke Setlist, die man grob als Stil-Mix aus klassischem Hardrock, Proto-Metal und Blues beschreiben kann. Nicht verschweigen will ich, dass die herrlichen Mundharmonika-Akzente, die es zum Beispiel bei 'Shake Electric' gibt, nicht vom Band kommen, sondern live und direkt von Sängern Ann-Sofie dargeboten werden, die man nicht genug für ihre Vorstellung loben kann. Allerdings will ich damit die Leistung der Saiten- und Rhythmusabteilung nicht schmälern. Diese spielen sich ebenfalls die Finger wund und fangen mit ihren 70er-Jahre-Outfits den Zeitgeist der Songs akkurat ein (wobei schwarzer Lippenstift und rote Cowboy-Stufe etwas zu kitschig wirken). Sehr cool sind auch die Duelle von Bass und Gitarre, die optisch ansehnlich in die Performance eingebunden werden. Zu meckern hat hier niemand etwas. Im Gegenteil: als die Göteborger die Bühne verlassen, werden sie umgehend mit Zugaben-Rufen zurückgerufen. 
Mit 'Fraction' und 'War Of The World' gibt es noch zwei weitere Songs, die nochmal gnadenlos abgefeiert werden, worauf dann aber tatsächlich Schluss ist, auch wenn die meisten Besucher noch immer weitere Songs fordern. Das Quartett kann wirklich stolz auf sich sein. Denn das war sicherlich einer der besten Konzertabende, den die Flörsheimer Rangierbar bisher erlebt haben dürfte. Vielen Dank deswegen an beide Bands und vor allem an die Old-School-Rocker aus dem Norden, die mit dieser Leistung trotz aktuell starker Konkurrenz auf dem Traditions-Rock-Sektor ihren Weg gehen werden. Davon bin ich felsenfest überzeugt und deswegen umso mehr froh, dass ich die Band einen Tag vor ihrem Gig auf dem Rock-Hard-Festival in einem so intimen Rahmen noch einmal sehen durfte. Im Namen aller Anwesenden daher auch noch mal ein Riesendankeschön an die Rangierbar-Crew und die Veranstalter. Dieser Abend war verdammt denkwürdig.

[Adrian]

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