Freitag, 29. Januar 2021

CD-Review: Japanische Kampfhörspiele "Neues aus dem Halluzinogenozinozän"

 

Die JaKas alias JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE gehören zum deutschen Grind-Kulturgut wie kaum eine eine andere Band. Seit mehr als 20 Jahren veröffentlichen die Krefelder (mit einer kleinen Pause in den 2010ern) immer wieder technisch-progressive und gesellschaftlich-subversive Extreme-Metal- und Grindpunk-Scheiben. Mit "Neues aus dem Halluzinogenozinozän" (versucht diesen Titel dreimal hintereinander auszusprechen) erscheint heute das zehnte Studioalbum und steht für höchstmögliche stilistische Offenheit, die die Band je zu bieten hatte.
Mit 13 Songs verteilt auf knapp eine halbe Stunde Spielzeit geht man geradezu metallisch-konservativ zur Sache, was die durchschnittlichen Song-Längen betrifft, diese Entwicklung konnte man allerdings bereits auf dem letzten Album beobachten. Klar, es gibt auch die punkig, kurzen 60-Sekünder, aber die wirklichen Hingucker sind Lieder wie 'Familie fährt Auto", das mit knapp fünfeinhalb Minuten sehr viel Raum für Spielereien bietet. 

Hier werden (speziell gegen Ende) gefühlt 30 Musikgenres auf einmal verwertet und von Trance über Death Metal bis hin zu Folk ist hier eigentlich alles vertreten, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Zum ersten Mal seit 'Deutschland von Vorne II" gibt es übrigens auch wieder weibliche Gast-Vocals. 
Olgaczka von KACZKA vertont mit einem Stakkato-Sprechgesang das knackig kurze 'Drohnenangriff auf unsere Werte' - hier kommen ROMANO-Vibes auf. 'Erregte Männer auf der Venus' ist dann schon fast wieder ein typischer JAKA-Song mit technischen und progressiven Extreme-Metal-Klangwelten, worauf aber postwendend und konterkarierend eine abgedrehte Noise-Kollage mit jeder Menge Samples namens 'Build A Better World' folgt. Die Songs 'Deutsches Handwerk' und 'Lass deinen Müll auf dem Festivalgelände liegen' (für mich schon jetzt der beste Song-Name des Jahres!) konnte man bereits vorab hören und sie wiegten uns in Sicherheit, dass wir hier ein besonders krusten-grindiges Album bekommen würden, das relativ Straight-Foward sein würde. Allerdings beweisen auch die Instrumentals 'Madal1' und 'Madal2', dass man nicht die Lust daran verloren hat seine Hörerschaft mit ausgefallenen Experimenten zu überraschen. Auch der Rauswerfer 'Superspreader' ist ein Instrumental - das wird jetzt viele enttäuschen, die bei dem Song auf ein Statement der Band zu Corona gehofft haben. Spaß macht der Track dennoch, vor allem wenn Dissonanzen mag.
Alles in allem ist "Neues aus dem Halluzinogenozinozän" ein typisches und untypisches Album der JAPANISCHEn KAMPFHÖRSPIELE. Typisch, weil man nie so genau weiß, was man auf einem Album der Herren vom Niederrhein zu erwarten hat, und Untypisch, da das Maß an Vielfalt und Varianz hier möglicherweise so groß ist wie noch nie zuvor bei der Band. Man muss das Album häufiger hören, um es für sich zu erschließen. Beim ersten Durchlauf kann es sein, dass man von der schieren Menge an Ebenen und Kollagen überfordert wird, aber um so mehr Spaß macht es dieses Album bewusst zu hören. Ist es das Werk der Band mit der höchsten Hit-Dichte? Vielleicht nicht. Aber es ist mit Sicherheit das Album, was die bisher größte Spannung und Varianz bietet, und so auf Dauer am meisten nachhallen wird. Kurzum, wenn ihr die Band kennt und vorher schon mochtet, greift zu. Wenn ihr sie nur flüchtig vom Namen her kennt und denkt ihr bekommt hier typischen Grindcore, dann könntet ihr enttäuscht werden, es sei denn progressive und avantgardistische Kapellen fallen in euer Beuteschema.
Seit 29.01.2021 gibt es die Platte bei Bastardized Recordings als CD - Vinyl soll in wenigen Wochen folgen. 

8,5 von 10 Punkten

[Adrian]

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