Mittwoch, 3. Januar 2018

DVD-Review: I Am Thor

Willst Du als alter kanadischer Metal-Musiker noch einen zweiten Frühling haben, dann scheint das Medium der Dokumentation die Waffe deiner Wahl zu sein. Denn ähnlich wie ANVIL vor einigen Jahren, hat auch Jon Mikl THOR Ende 2015 sein filmisches Feature erhalten, das sehr pragmatisch "I Am Thor" getauft wurde. Da wir diesen Blue-Ray Release damals fahrlässig ignoriert haben, wollen wir uns mit  knapp zwei Jahren Verspätung diesem schwermetallischen Streifen nähren. 
Es ist die typische Geschichte: "Wir waren vor 30 Jahren mal Stars, dann lief alles schief - der ganz große Durchbruch blieb aus und es ging dann erst einmal steil bergab!" Das ist auch hier so. Man kriegt zu Beginn viele Hintergrundinfos
über die Frühphase des Body Builders, Superhelden-Fans und Rock-Musikers Jon Mikl Thor vorgetragen. Weggefährten kommen zu Wort und man darf im Detail nachvollziehen, wie die Band am Erfolg vorbei in die Auflösung und Bedeutungslosigkeit gesegelt ist. Das ist aber nicht das Hauptthema des Films. Wie auch schon bei ANVILs Doku geht es hier die meiste Zeit darum, wie Jon Mikl um die Jahrtausendwende herum versucht wieder ins Rampenlicht zu treten. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, dass es THOR zu gelingen scheint langsam aber sicher wieder mehr und mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen. Von anfänglich nur sechs zahlenden Gästen steigt das Publikum im kleinen Maßstab weiter und weiter. Alles scheint gut zu laufen - aber unterschwellig merkt man schon, dass nicht alles so großartig ist. Jon Mikl selbst erzählt zum Beispiel, dass ein Herzinfarkt 2007 ihn fast umgebracht hat. Aber ähnlich wie im Film "The Wrestler" kann auch THOR einfach nicht aufhören und muss immer weitermachen. Das erzeugt beim Zuschauer ein seltsam zwiespaltiges Gefühl - eine Mischung aus Respekt und
Betroffenheit. Das bleibt allerdings nicht bis zum Ende so. Die großen  Sommer Open Airs in Europa stellen dann einen ordentlichen Höhepunkt im dritten Akt da: die alten Bandmitglieder kommen zurück ins Line-Up und man es schafft in der heutigen Szene anzukommen. Ähnlich wie beim ANVIL-Film kämpft auch hier die Kapelle mit einem undankbaren Slot auf einem großen Festival (in diesem Fall dem Sweden Rock Festival) und fürchtet, dass kaum jemand vor die Bühne kommen würde. Am Ende steht aber natürlich ein großes begeistertes Publikum bereit und feiert die alten Helden gnadenlos ab.  Nicht ganz originell, aber trotzdem freut man sich für die Musiker, denn vor allem Jon wird sehr sympathisch präsentiert (seine Mitmusiker anfangs nicht so sehr - die machen eher den Eindruck noch schnell ein paar Euro einnehmen zu wollen). Das Ende ist deswegen auch um so versöhnlicher, wenn die Band das Muskelrock in Schweden krönt und enthusiastisch als Headliner umjubelt wird - und alle zusammen einen tolle Zeit haben. 


Wenn man "I Am Thor" gesehen hat, würde man am liebsten direkt zum nächsten THOR Gig rennen und sich diese verrückte Live-Show in Natura anschauen (die der Zuschauer in aller Ausführlichkeit im Film bestaunen darf). Und selbst wenn man vor dem Streifen nur ein oder zwei Songs der Kapelle kannte (so wie ich selbst zum Beispiel), fühlt man sich gegen Ende stark mit der Truppe verbunden, die mir immer mehr ans Herz gewachsen ist, um so mehr Spielzeit verstrichen war. Diese Doku ist auf jeden Fall sehenswert und wird jedem Musikerenthusiasten gefallen, der generell gerne Biographien und Filme über Musiker konsumiert. Schade ist nur, dass es nicht viel Bonusmaterial gibt. Neben dem Trailer zum Film, gibt es noch Werbung für andere Dokus wie jene über die Fußballweltmeisterschaft 2014 aus Sicht der DFB-Elf (na gut, kann man dazu packen, aber wirkt trotzdem seltsam). Alles in allem ist dieses Werk sehr sehenswert und gehört in jede gut sortierte Sammlung eines nostalgischen Schwermetallers.

[Adrian]

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