Freitag, 3. März 2017

Live-Review: Ancst "Furnace Tour 2017" - mit Deadwood und Depravation in Frankfurt am Main

Dass mich meine Leidenschaft für Metal noch irgendwann einmal hinter Gittern bringen würde, hätte mir eigentlich klar sein müssen.  
Glücklicherweise hat mein Besuch in der (ehemaligen) Haftanstalt in Mainhatten einen positiven Hintergrund, denn die Tour der Berliner Schwarzkrusten von ANCST hat in Hessen Halt gemacht und mit DEADWOOD und DEPRAVATION konnte man perfekte Support-Acts an Land ziehen. Denn alle Bands haben Black Metal im Blut aber sind alles andere als herkömmliche Genre-Vertreter. Dieser Abend beweist, wie anders ein Schwarzmetallkonzert sein kann. 

Deadwood (Foto: Adrian)
Es ist eine Mischung wie sie passender nicht sein könnte. Ein alter Knast im Herzen Frankfurts, der nach einer bewegten und wechselhaften Geschichte, inzwischen als Begegnungsstätte und Jugendzentrum genutzt wird. Vergangene Autorität trifft auf Anarchie. Während man im oberen Teil vor allem die alten Zellen sowie einige Info- und Gedenktafeln sehen kann, ist der verranzte Keller geradezu einem Hollywood-Set entsprungen. So wie amerikanische Filme und Serien Undergroundclubs darstellen, so sieht es auch hier aus: die Wände sind alt und beschmiert, renoviert wurde wurde zuletzt wahrscheinlich vor 30 Jahren und eingerichtet ist alles mit völlig zusammengewürfelten Einrichtungsgegenständen aus zweiter Hand - kurzum, ich liebe es! In echter Punk-Manier gibt es das Bier aus Flaschen zum Selbstkostenpreis und irgendwo im Gebäudekomplex probt gerade irgendeine andere Band. Ich fühle mich ans Kalkwerk in Limburg, die Oetinger Villa in Darmstadt oder das Haus Mainusch in Mainz erinnert. Dementsprechend läuft hier alles auch ein wenig entspannter ab und nicht wie angegeben um halb neun, sondern erst kurz nach 21 Uhr macht sich die erste Band daran die Bühne zu entern. Den Anfang macht dabei DEADWOOD. Zuletzt durfte ich die hessischen Post-Schwarzheimer in Neu-Isenburg bewundern. Die völlig andere Location verleiht dem Gig heute jedoch eine besondere Note. Der Konzertraum ist verwinkelt und direkt vor der "Stage" (eigentlich steht die Band auf gleicher Höhe mit dem Publikum) befindet sich eine dicke Steinsäule. Für aktive Frontmänner allerdings ist diese Säule eine willkommene Requisite und bietet Möglichkeiten zur Inszenierung. Besonders Jo von DEADWOOD wandelt gerne um diese herum und lehnt sich an, während er seine leidenschaftlichen Schreie ins Mikro keift. 

Der direkte Kontakt zwischen Zuschauern und Musikern kommt der an sich schon intensiven Musik sehr entgegen und sorgt für noch mehr Gänsehaut als sonst. Leider reicht die Zeit nur für vier Songs (was bei DEADWOOD immer noch 40 Minuten Spielzeit bedeutet), aber was wäre schon genug Spielzeit bei dieser Art von Musik?
Außerdem warten noch zwei weitere Truppen auf ihren Einsatz: unter anderem
Depravation (Foto: Adrian)
DEPRAVATION. Das Quartett lässt sich zwar ziemlich viel Zeit und die Umbaupause dauert gefühlt länger als ihr Gig, allerdings lohnt sich die Warterei. Die Bühne taucht man in ein teuflisches Rot und sorgt mit viel Nebel dafür, dass man meinen könnte der Schlund einer Unterwelt habe sich aufgetan und diese vier Teufelskerle ausgespukt. Die Songs sind mit Begriffen wie 'Wrath' oder 'Ruins' kurz und aussagekräftig betitelt worden und passen so perfekt zum rohen, brutalen und auf den punkt-gebrachten Sound der Mittelhessen. Hier steckt neben Black Metal auch jede Menge Crustcore, Death Metal und auch HC-Punk drin. Eine rasante Melange, die durch einen agilen Frontmann, der niemals still steht, noch angefacht wird. So schnell wie die Flammen entfacht wurden, so abrupt endet der Gíg auch schon nach knapp 30 Minuten. Insgesamt eine echte Überraschung - denn von den drei Bands des Abends, hatte ich diese Jungs am wenigsten auf dem Schirm gehabt und ihr Auftritt hat mich umso mehr überwältigt. Dieses Inferno kann sich gerne wiederholen - auch wenn die heutigen Mikroaussetzer nicht mehr vorkommen müssen.

Nach einer weiteren (dieses Mal etwas kürzeren) Umbaupause geht es in die letzte Runde mit dem Headliner des Abends. ANCST sind schon seit einigen
Ancst (Foto: Adrian)
Jahren gern gesehene Gäste bei Totgehört, allerdings hatte ich es bisher nie geschafft die Herren auf der Bühne zu erleben. Sie gehören zu den ersten Bands, die Black Metal stimmig mit Hardcore verbunden haben und so tatsächlich einen neuen Stil prägen konnten - ein Konzept, das auch live funktioniert. Die beiden Sänger Tom und Torsten teilen die Bühne unter sich auf und beschallen das Publikum sozusagen in Stereo mit ihren geifernden Shouts, während sie zwischen dem Publikum hindurch streifen und die Saitenfraktion ein richtig hartes Brett schrubbt, dass sich im Spannungsfeld zwischen Crust, HC und Black Metal aufhält. Interessanterweise klingt dieser Cocktail in der ersten Reihe wesentlich punkiger als weiter hinten, wo eher die wabernden, schwarzen Riffs dominieren. Wie auch schon die beiden Bands zuvor halten sich die fünf Berliner sehr zurück mit Ansagen, danken vorrangig den anderen Bands und der Crew in der Location und lassen vor allem die Musik für sich selbst sprechen. Gegen 23:40 endet auch dieser Auftritt gefühlt zu früh - auch wenn rückblickend alle wichtigen Tracks der Diskographie gespielt wurden (womit ich natürlich meine persönlichen Favoriten meine). Nachdem die grüne Bühnenbeleuchtung erlischt und die weißen Lichter wieder eingeschaltet werden, erschallt zum Abschluss noch eine Auswahl von alten Thrash Hits, um wenigstens einen gebührenden Ausklang zu bescheren (vor und während der anderen Gigs wurden nämlich Rap Songs der 90er aufgelegt).

Alles in allem war dieser Abend vielleicht das ungewöhnlichste Black-Metal-Konzert auf dem ich jemals gewesen bin. Denn eine so konsequente Vermischung schwarzen Metalls mit alternativen Musikrichtungen, habe ich auch noch nicht erlebt. Die Kombination funktioniert jedoch wunderbar und bringt den dringend benötigten frischen Wind in das allgemeine Szene-Einerlei.
Black Metal ist und bleibt einfach das spannendste Genre, dass es im Bereich harter Gitarren gibt.

[Adrian]

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