Mittwoch, 3. August 2016

Live-Review: Nord Open Air 2016

Die Metropolregion Ruhr ist die heimliche Hauptstadt des deutschen Metal. In den Achtzigern pulsierte hier der Thrash Metal mit inzwischen weltbekannten Truppen wie SODOM oder KREATOR und mit altehrwürdigen Einrichtungen wie der Zeche Carl, der Turbinenhalle oder dem Turock gibt es jede Menge Orte im größten Ballungsraum Deutschlands, wo man als Metaller so ziemlich jede Tour sehen kann, die Halt in deutschen Land macht. Auch metallische Kneipen gibt es in großer Zahl, darunter auch das Café Nord in der Essener Innenstadt. Dieser Schuppen existiert nun auch schon ein Vierteljahrhundert und feiert dies mit einem ganz besonders attraktiven Festival. Das Ganze findet unter dem Banner Nord Open Air 2016 statt. 

Tag eins beginnt dabei schon sehr knackig. Der Freitag ist ein Hardcore dominierter Tag. RISE OF THE NORTHSTAR, RAISED FIST oder auch LIONHEART sorgen am Nachmittag und frühen Abend für ordentlich Moshpit-Stimmung. Der Mainact ist allerdings eine waschechte Rotz'n'Roll-Kapelle. THE BONES sind vier zu tätowierte Schweden mit viel Benzin und Punk im Blut. Aufgrund einer Zugverspätung erreiche ich das Festival erst als die Skandinavier gerade loslegen. Die Stimmung auf dem Umsonst-und-Draußen-Fest am Viehöfer Platz im Herzen Essens entschädigt aber für die umständliche Hinfahrt. Eine super Lightshow, guter Sound und ein ordentlich gefülltes Gelände sorgen für einen positiven Ersteindruck. Am Samstag begebe ich mich mit meiner kleinen Delegation erst zu MISERY INDEX zum Festival. Um 14 Uhr sind die Death-Grinder bereits auf Betriebstemperatur und beschallen mit Blast Beats und fetten Growls die Innenstadt. Als Frankfurter erlebt man hier ein Kulturschock. In Hessen spielen maximal semi-interessante Pop-Bands auf so einer Bühne mitten in der Stadt. Umso größer ist die Begeisterung bei uns den Amis bei ihrer Kriegsbeschallung zu zuhören. Danach geht es weiter mit Female
Fronted Thrash Metal, repräsentiert in Form von BLIKSEM. Diese Truppe kommt aus den Niederlanden und hat mit Peggy Meeussen eine sehr agile und energiegeladene Frontfrau, die für ordentlich Tempo  sorgt. Danach erscheint das DOUBLE CRASH SYNDROME auf der Bühne. "Endlich richtig harte Musik und nicht so ein Pussy-Zeug wie bisher", kommentieren die Mühlheimer ironisch die Tatsache, dass sie heute eigentlich zum softeren Teil des Programms gehören. Mit 80er Jahre Sleaze und Rock'N'Roll sorgen sie für eine kleine Verschnaufpause zwischendurch, bevor der belgische Brocken ABORTED mit messerscharfem Death Metal die Bühne zerlegt. Auf Platte sind die Hi-Speed-Deather nicht wirklich mein Fall, aber live und gerade auf einem Open Air geht ihr klassischer Todesblei sehr gut runter. Noch traditioneller 
wird es bei VADER - die Polen sind eine amtliche Macht, die nicht zum ersten Mal in Essen auftritt und auch schon 2015 auf dem Nord Open Air für angeschwärzten Alarm gesorgt hat. Auch mit über 30 Jahren auf dem Buckel räumen die Osteuropäer ordentlich ab. Mein persönlicher Höhepunkt des Samstags ist jedoch der Auftritt von ARMORED SAINT - Ach du Schande, ist das geil. John Bush ist bei bester Stimme und haut Hits wie 'March Of The Saint' oder 'Left Hook From Right Field' heraus, die leider nicht laut genug aufgedreht sind (auch weiter vorne kann man sich fast noch mühelos nebenbei unterhalten). Dennoch macht der Auftritt einen unheimlichen Spaß. Besser ist der Klang dann bei DEVILDRIVER - die Modern Metaller aus Amerika machen den Raum vor der Bühne so richtig voll und schaffen es mir eine gute Zeit zu bereiten, auch wenn dieser 2000er US Metal eigentlich nicht so mein Ding ist. Das große Finale bildet zum Schluss SACRED REICH -
ein Klassiker aus der amerikanischen Thrash-Szene. Inzwischen sehen die Herren zwar aus wie ein Haufen Mathematiklehrer, aber auf die Kacke hauen können sie immer noch. Auch wenn nicht jeder Song zündet - befeuern vor allem die sympatischen Ansagen von Phil Rind immer wieder die Stimmung. Und spätestens am Ende sind aber alle bei 'Surf Nicaragua' dabei und besingen diesen unsterblichen Klassiker leidenschaftlich. 
Sonntags ist erwartungsgemäß weniger los. Vielleicht auch weil das Programm nicht mehr so metallisch ist wie am Tag zuvor. Ich selbst komme auch erst zur vierten Band in Essen an. Dafür begrüßt mich ein ganz besonderer Act bei meiner Ankunft. Es sind nämlich die Offenbacher von den V8WANKERS - und die sind mal wieder super gut gelaunt und bringen hessischen Rotz'n'Roll in den Pott. Gleich mehrfach kündigt man den letzten Song an und sorgt für beste Unterhaltung. Direkt im Anschluss kommen die Kanadier von den THE REAL MCKENZIES zum Zuge und dürfen ihren Gig ausladend verlängern, weil die
eigentlichen Headliner des Abends, die DEEZ NUTS, kurzfristig absagen müssen. Die Schotten-Punker liefern an diesem Tag den besten Gig ab und überzeugen mit ihrer Mischung aus Dudelsäcken und harten Gitarren. Paul McKenzie ist darüberhinaus ein super Entertainer am Mikro und ist nicht nur sehr gesprächig, sondern zeigt auch gerne, dass er unter dem Kilt nichts trägt. Mit 'Sailor Man' haut man auch einen Tribut an die Kollegen von TURBONEGRO raus und als Zugabe gibt es auch noch schottische Traditionals, die man acappella präsentiert. Das Publikum feiert diese Show begeistert und auch nach dem Gig mischt sich die Gruppe völlig unverkrampft unters Publikum, um mit den Besuchern zu weiterzufeiern. Ebenfalls länger auf die Stage dürfen PETER PAN SPEEDROCK und trotz der schnellen Rockbretter gibt es viele enttäuschte Gesichter - hauptsächlich  unter DEEZ-NUTS-Fans, ihr Highlight des Abends schmerzlich vermissen. 

Nichtsdestotrotz reißen die Niederländer eine energiegeladene Rockshow runter, die einen tollen Abschluss für dieses entspannte Umsonst-und-Draußen-Fest in der Innenstadt Essens bildet. Den Ruhrpott muss man einfach lieben. Auf weitere 25 Jahre im Café Nord!

[Adrian]

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