Sonntag, 19. Juni 2016

Live-Review: Doom and Gloom im Jazzkeller Hofheim

Gestern Abend war es endlich soweit. Schwarze, schwere Wolken verdeckten den Himmel über Hofheim. Buchstäblich. Ein massives Gewitter schien auf zu ziehen, als der Einlass im Jazzkeller Hofheim zum Doom and Gloom öffnete. Zum Glück blieb (aber abseits kleinerer Schauer) ein großes Unwetter aus.  Eigentlich tolle Bedingungen für einen unterhaltsamen Abend mit tollen Doom-Metal-Acts - wenn nicht etwas Essentielles gefällt hätte. Dazu aber später mehr.


Chariot Throne eröffnen den Abend
Beginnen wir mit dem musikalischen Hauptprogramm. Den Abend eröffnet CHARIOT THRONE etwas später als angegeben -  als der erste Akkord ertönt sind wir bereits gut 25 Minuten im Verzug. Diese Verzögerung ist aber nach zu vollziehen. Denn noch ist es recht übersichtlich im Jazzkeller und wer spielt schon gern vor leerer Halle? Nur langsam finden sich einige Besucher im Konzertsaal ein, um den melancholischen Doom Metal mit gotischer Note zu zelebrieren. Ein wenig PENTAGRAM, ein wenig VIRGIN BLACK und auch ein gewisser Anteil (mittlerer) KATATONIA ist aus dem Klanggebilde herauszuhören. Mit Songs wie 'Far From The Sun' oder auch 'The Spirits' Sanctuary' sorgen die Odenwälder für die ersten langsamen und harten Klänge in Hofheim. Mit 'Sunny' gibt es zum Schluss auch noch ein schönes Doom-Pop-Cover, das sich gut in den eigenen Sound einfügt. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Südhessen mit Gesang, der stellenweise an Layne Staley erinnert, und einem entspannten Groove für einen gelungenen Start sorgen. Allerdings sollten die vier Hessen etwas an ihrer Performance arbeiten, vom Stage-Acting und der Beleuchtung her wirkt hier noch alles viel zu hell und lebensfroh - es mag klischeehaft klingen, aber das Auge hört mit und Doom muss düster sein.

HEXER hingegen hat das mit den visuellen Effekten verstanden und wartet mit einer
Hexer im Schwarzlicht
interessanten Show auf. Die vier Herren haben sich schwarz angemalt - und das an allen sichtbaren Stellen ihrer Körper. Damit sehen sie aus wie Kohlekumpel, aber sorgen auch olfaktorisch für die richtige Stimmung, indem sie Räucherstäbchen aufstellen, die man improvisiert in eine Bierflasche steckt. Und auch die Nerd-Seele wird bedient - und so steht neben dem Synthesizer ein Boba-Fett-Wackelkopf. Passend dazu sind die Mikro-
Ständer mit Schwarzlichtröhren bestückt und erinnern an Lichtschwerter, das ist aber nicht nur Deko, sondern machen aus der Minenarbeiterbemalung, nur im ultravioletten Licht sichtbare, Corpsepaint. 
Hexer im Blitzlicht
Um diesen Effekt effektiv in Szene zu setzen, ist es deswegen die meiste Zeit während des Gigs stockfinster, worüber die anwesenden Fotografen etwas stöhnen, aber die Wirkung ist einmalig Zugegeben, eine wirklich coole Idee! Auch Musikalisch ist der Doom der Ruhrpottler ganz anders als beim Opener. Super heavy, tiefschwarz und wunderbar atmosphärisch bewegen sich die Dortmunder durch ihr Set, das voll mit langen und geradezu verstörenden Nummern ist.  Und eben diese Atmosphäre macht die Stärke der Truppe aus. Die Muster sind repetitiv und hypnotisieren die Menge. Als Black Metaller sollte man sich diese Jungs auf jeden Fall merken. Auch wenn sicherlich nicht jeder mit diesen sperrigen und zähen Song-Monolithen klar kommen wird. Die langsame Härte von HEXER ist nämlich alles andere Easy Listening.

Nachdem die Glühdoomer fertig sind, folgt erneut eine längere 
Witchfucker dreht die Regler auf 11
Umbaupause. Leider kommt es dadurch immer weiter zu Verzögerungen, die für mich persönlich noch Konsequenzen haben werden. Aber erst einmal zurück zum Geschehen auf der Bühne. Mit WITCHFUCKER kommt jetzt ein echtes Juwel. Das Trio um Tom Schneckenhaus, dem singendem Drummer, hat viel Wums und drückt den Besuchern trotz Gehörschutz fast die Trommelfelle aus den Ohren (im Ernst, tut das Not, dass das so laut ist?). Das Klanggebilde ist aber dennoch mehr als stimmig. Der Schlagwerker ist nämlich nicht nur ein engagierter Prügler der seine Felle mit großartiger Technik fast in Stücke haut. Nein, er kann auch singen wie ein wütendes Biest. Da halten sich Bass und Gitarre (letztere steuert noch einige hasserfüllte Screams bei) gerne etwas im Hintergrund und wenden sich phasenweise lange vom Publikum ab. Der Sound an sich ist eine starke Melange aus Doom, Psychedelic, Black Metal und Stoner Rock. Gerade in den Stoner-Phasen zeigt Schneckenhaus (ich feiere diesen Namen), dass er seinen Stimmbändern auch eine kernige Note á la MONSTER MAGNET entlocken kann. Auch der dazugehörige Cannabisgeruch erfüllt auf einmal den Raum - mehr Stoner Atmosphäre geht nicht! Leider ist der gesamte Auftritt viel zu laut abgemischt und tut stellenweise einfach nur weh. Abseits davon würde ich mir etwas mehr Black-Metal-Elemente wünschen beziehungsweise sie mit dem Wüstensand konsequenter vermischen und die einzelnen Sound-Bestandteile nicht zu stark voneinander trennen. Das ist aber nur eine kleine Randbemerkung in Anbetracht eines insgesamt herrlichen Gigs.

Nachdem eine weitere Pause eingelegt wird, werden mir zwei Dinge klar:
Ad Cinerem gehört heute zu
den stärksten Acts

erstens es werden tatsächlich nicht mehr Zuschauer kommen (womit der Jazzkeller etwa 40 bis maximal 50 zahlende Gäste beherbergen dürfte) und zweitens wird das Konzert nicht wie geplant um halb eins zu Ende sein, sondern die letzte Band um diese Uhrzeit beginnen (was sehr unpraktisch ist, da sich bereits im Vorfeld einige beschwert haben, dass ihre letzten Verbindungen heimwärts schon um kurz nach 24 Uhr abfahren). Nichtsdestotrotz kommen als nächstes die Sachsen von AD CINEREM auf die Bühne und präsentieren erneut eine erneut andere Spielart des Doom Metals als die vorangegangenen Truppen. Die Dresdner sind deutlich gesprächiger und interagieren mehr mit der Menge. Sänger Hekjal setzt
der ausdrucksstarke Fronter von Ad Cinerem
sein Charisma geschickt ein und legt eine ausdrucksstarke Performance hin. Ihr Doom Metal beinhaltet viele Elemente von Death und Black Metal und ist zu großen Teilen sehr treibend. Langeweile kommt bei Liedern wie 'To Revise Downward' oder 'Foliage Burial' keinen Moment lang auf und die dichten Klangstrukturen ziehen den Hörer tief in sie hinein. Passenderweise beendet man das Set mit 'Pulse Of An End' und zeigt, dass diese noch verhältnismäßige neue Band  einigen Staub in der deutschen Szene aufwirbeln wird. 

Als die Ostdeutschen ihren Gig beenden, ist es bereits nach 24 Uhr und die kommende Umbaupause ist mit Abstand die Längste. HESSAJA muss ein
Hessaja beim Aufbau
komplett neues Drumset auf die Bühne schaffen und noch den Soundcheck absolvieren. Das zieht sich bis nach kurz nach halb eins hin und als die Limburger endlich beginnen, muss ich leider das Feld räumen, um meine letzte Bahn noch zu bekommen (die unangekündigt eine Viertelstunde Verspätung hat, was aber eigentlich egal ist, da mein Anschluss (ein Nachtbus) beschlossen hat heute eh nicht zu fahren - aber das ist eine andere Geschichte). Allerdings bekomme ich nach dem Konzert die wichtigsten Details von meiner Kollegin berichtet. So erfahre ich zum Beispiel, dass die Mittelhessen einen geradezu psychopathischen Gig abliefern. Besonders Frontmann Tom, heute elegant im weißen Hemd, schreit sich wütend die Seele aus dem Leib, so dass man denken könnte, dass ihm gleich der Kopf explodiert. Eigentlich sind die Herren im Sludge zu verordnen, aber gerade durch ihre anderen Betätigungsfelder (zum Beispiel Drummer Jo D. spielt auch bei der HC-Combo DROWINING IN PRECONCEPTION) hört man hier einen starken Hardcore-Einfluss heraus. Breakdowns und wütende Shouts sind deswegen keine Seltenheit. Dieser Mix, der sich wieder komplett von den anderen Akteuren des Abends unterscheidet, funktioniert prächtig beim Publikum und für einen Doom Abend entwickelt sich eine richtig ordentliche Stimmung. Auch weil die Domstädtler noch am meisten mit dem Publikum kommunizieren und sich zu vielen Ansagen hinreißen lassen. 

Alles in allem hat das erste Doom and Gloom auf ganzer Linie überzeugt. Der
Jazzkeller war wie immer eine coole Location mit netter Crew und (meist) gutem Sound und die Bands waren trotz der einheitlichen Doom-Thematik sehr abwechslungsreich. Von Stoner, über Death und Black Metal bis hin zu Hardcore wurde das doomige Fundament mit allen möglich anderen Genres vermischt. Leider hat, wie eingangs erwähnt, nur eine Sache gefehlt. Viel zu wenige Menschen haben den Weg nach Hofheim gefunden und am Ende, war die Location maximal zu einem Drittel gefüllt. Woran es gelegen haben mag, kann viele Gründe haben. Vielleicht war es das seit Wochen anhaltende schlechte Wetter, was die tägliche Gefahr von Unwettern birgt, oder der hohe Eintrittspreis von 18 Euro im Vorverkauf und das gleichzeitige Fehlen einer etwas größeren Kapelle, die Metaller hinter ihren Öfen hervor lockt. Alles kann dazu beigetragen haben, dass leider weniger Besucher als erhofft vorbeischauten. Nichtsdestoweniger bleibt zu hoffen, dass es nicht die einzige Auflage vom Doom and Gloom bleiben wird, denn dieses Konzertformat macht wirklich Spaß und zeigt wie facettenreich und hochwertig der deutsche Doom-Untergrund ist .

[Adrian]

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