Dienstag, 28. Juli 2015

Live-Review: Ragnarock Open Air 2015 - Part 2

Nachdem ich bereits am Sonntag einige kurze Sätze zu den ersten beiden Festivaltagen des Ragnarock Open Air abgeliefert hatte. Liefere ich heute die kurze Rekapitulation des Samstags, der für mich persönlich insgesamt das stärkste Billing zusammengeschnürt hatte. 

Der Samstag beginnt wie auch schon der Tag zuvor mit einem Gang zum Dixi, der mit der obligatorischen Morgentoilette und der spärlichen Katzenwäsche fortgesetzt wird (langsam beginne ich meine Dusche zu vermissen). Unrasiert und mit (auch nach längerem Kämmen) zerzausten Haaren hocke ich vormittags auf dem Zeltplatz und warte bei den ersten Bieren (die nicht mehr so leicht runtergehen wie noch an den beiden Vortagen) darauf, dass es mittags wird. Denn bereits an zweiter Stelle spielt ABADISCH. Eine Truppe aus meiner Heimat Limburg. Zuvor aber muss man Wind und Regen überstehen, der bereits auf dem Camp Ground den einen oder anderen Pavillon in die Knie gezwungen hat. Zwischendurch gibt es auch immer wieder Platzregenattacken, die auch den energetischen Gig des Openers THE EARWIX perfide sabotieren. 

Auch wenn es hier wieder Freibier gibt, sind doch sehr viele Zuschauer angetreten sich den treibenden Power Rock'n'Roll der Hinterländer anzuschauen. Und der Energielevel ist von Anfang unglaublich hoch: wie Derwische fliegen die Herren über die Bühne und stören sich kein bisschen an der Sintflut, die sich zeitweise auf das Ragnarock ergießt. Sänger Benni Bronson ist allerdings der extrovertierteste und steigt auf den nassen Traversen am Rand der Bühne etwa fünf Meter in die Höhe und heizt das Publikum weiter an. Gegen Ende des Auftritts stoppt der Regen und mehr Menschen finden sich wieder vor der Bühne ein, um die Band noch einmal ordentlich abzufeiern. Alles in allem ein unheimlich guter  Gig von einer Band mit viel Potenzial und einem teuflischen Unterhaltungswert. Schade, dass das Wetter nicht mitgespielt hat.
Als die erwähnten Herren von ABADISCH auf die Stage kommen bricht der
Quelle: Abadisch - Facebook
Himmel auf und Sänger Dirk begrüßt die gut aufgelegte Menge, die teilweise immer noch triefend nass ist. Trocken wird es im Verlauf auch nicht mehr, denn die nächsten (wenn auch schwächeren Schauer) lassen nicht lange auf sich warten. Allerdings haben die Lindenholzhausener den richtigen Soundtrack dabei und singen ihren Track über das launische Wetter gleich zweimal. Weitere Themen, die aufgegriffen werden sind Bier und Party, die in bester hessischer Mundart vertont werden und von Dirks hingebungsvoller Performance (wie beispielsweise das Bauch-Surfing quer über die Bühne) abgerundet wird. 'Wir sind zurück im Geschäft....' ist nicht nur ein gespielter Song der vier Rocker, sondern definitiv auch Programm. 
Hier nach benötige ich erst einmal eine Pause. Zurück ans Zelt und zwischendurch noch Kippen holen am Automaten im angrenzenden Dorf (was übrigens der einzige nützliche Aspekt an Langendorf ist; denn sonst hat dieses Dorf nicht mal einen Bäcker oder Supermarkt zu bieten). So fallen auch EXISTENCE FAILED, ACTURON (die echt guten Melo-Death machen sollen) und DRAGONSFIRE (die bereits auf anderen Open Airs live erlebt hatte) meiner Lethargie zum Opfer und erst als die schweren Klänge von EARTHSHIP auf den Boxen dröhnen, stehe ich wieder vor der Bühne. Langsam, tödlich und mit viel Sludge überzeugt die Berliner Kapelle diejenigen im Publikum, die das Quartett bisher noch nicht bestaunen durfte. 
Perfekt für die abendliche Tageszeit sorgen die Doomer für ein apokalyptische Abendstimmung, die sie mit dem ENTOMBED-Cover 'Wolverine Blues' krönen. Danach wird es wieder exotisch. Denn mit KRYPTOS unterhält eine weitere Band aus Asien das Ragnarock. Diesmal handelt es sich um Thrasher aus Indien, die bereits länger netten Kontakt mit den Festivalveranstaltern pflegen.

Der indische Vierer wirkt noch recht jugendlich, aber die Herren sind (zum Teil) bereits seit 1998 zusammen unterwegs und zocken einen brutalen Metal, der einerseits an alte Vorbilder wie KREATOR erinnert aber auch neueren Vertretern wie FUELED BY FIRE entgegenkommt. Sowohl auf als auch neben der Bühne am Merch-Stand entsteht ein unheimlicher sympathischen Eindruck, weswegen es mich persönlich sehr freut, dass die Bangalorer heute hier so gut ankommen. 
Mit großen Schritten nähren wir uns dem letzten Akt und mit AHAB kommt im Anschluss eine Band an die Reihe, die man deutschlandweit kennen dürfte. Das Lieblingsthema der Meeresliebhaber ist die hohe See, was sich sogar im Sea-Shepard-Pulli von Frontmann Daniel Droste niederschlägt. 

Sehr intensiv, schwer stimmungsvoll und Musik zum Schwelgen, so kann man die Nautik-Doomer am besten beschreiben. Die Musik ist perfekt zum Träumen und funktioniert auch hier wunderbar, auch wenn einige Zuschauer lieber die
Quelle: Suidakra - Facebook
Birne schütteln will als in psychedelische Sphären abzudriften, kommen die Heidelberger bei den meisten Leute sehr gut an. Mit SUIDAKRA bekommen bewegungsaffine Besucher bereits kurz drauf die Gelegenheit sich wieder völlig zu verausgaben und bei melodischen Pagan-Black-Klängen noch mal alles zu geben. Die Altmeister sind kein Produkt der 2000er Pagan-Welle, sondern bereits seit Mitte der Neunziger im Geschäft und haben wohl auch deshalb bis heute überlebt. Arkadius beweist dabei auch wie ungezwungen man als Extreme-Metal-Bandleader sein kann und interagiert vor allem viel mit einer Achtjährigen im Publikum, die Geburtstag hat. Dialoge wie "Sollen wir noch einen spielen, Juliane? Nein? Na gut, dann macht es mal gut." sorgen allgemein für Unterhaltung. Ein sympathischer Auftritt von einer wirklich spielfreudigen Truppe.
Quelle: Metal Archives
Alles verblasst allerdings als SAMAEL loslegt. Die Schweizer sind nicht nur Headliner des Festivals sondern auch mein persönlicher Höhepunkt. Ich hätte nämlich gar nicht erwartet, dass Vorph und seine Mitstreiter (nicht nur auf dem kommenden Party.San Open Air sondern auch) bereits hier ihr Old-School-Set auspacken würden und uns die Hymnen der "Ceremony Of Opposites" á la 'Baphomet's Throne' oder 'Crown' näher bringen würden. Aber auch Fans neuerer Tracks kommen nicht zu kurz und in einem zweiten Teil der Vorstellung geht es mit etwas aktuellerem Stoff weiter, hier sind Songs der letzten Scheibe "Lux Mundi" dabei, aber auch mein persönlicher Lieblingstrack 'Slavocracy' von der "Solar Soul" wird gezockt. SAMAEL ist und belibt zwar Geschmackssache (so wird von Kollege Nezyrael die elektronische Begleitung als "Russen-Disko" bezeichnet), aber ich empfehle trotzdem jedem sich die Schweizer anzuschauen, denn nur wenige Bands haben einen solchen historischen Stellenwert im Metal wie die Herren aus dem Wallis.

Kurz nach 1 Uhr ist dann auch wirklich Schluss und das Festival neigt sich dem Ende zu. Einige ganz tapfere können sich zwar noch auf der After-Show-Party den Rest geben, aber ich gehe zurück zum Zelt, sitze noch einen Moment mit einem letzten Bier am Zelt und schaue Kerzen beim runterbrennen zu. Die übliche Melancholie, das ein tolles Festival mal wieder viel zu schnell vorbei gegangen ist, mischt sich mit der Vorfreude endlich wieder in einem richtigen Bett zu schlafen und morgens nicht zu einem Dixi wandern zu müssen, zu einem Gefühl der Zufriedenheit. Denn es war mal wieder ein bärenstarkes Festival in Mittelhessen. Danke, Ragnarock!

[Adrian]

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