Sonntag, 21. Juni 2015

Live-Review: Heavy Days in Doomtown (Part IV)

Heute findet unser mehrteiliger Reisebericht aus dem Norden ein gebührendes Ende. Am letzten Festivaltag haben sich Sunny und Nezyrael den finalen Acts des Heavy Days in Doomtown gewidmet, die diesem Event eine herausragende Totenfeier bereiten. Die Berichte von den Vortagen findet ihr unter den entsprechenden Links: Mittwoch / Donnerstag, Freitag und Samstag.

Sonntag:
Dank ausgiebigem Schlafbedürfnis und chronischer Verpeiltheit der Protagonisten erschien man am Sonntag eine halbe Stunde zu spät zum Auftakt von KING DUDE. Der Mann hat ja in der letzten Zeit einiges an positiver Presse und Fanreaktionen abbekommen, ich persönlich konnte aber nie so recht nachvollziehen warum. Auch der Auftritt auf dem Heavy Days konnte da wenig dran ändern. Das lag aber vielleicht auch daran, dass Herr Cowgill nach einer halben Stunde Spielzeit schon dermaßen betrunken war, dass er kaum noch Musik gemacht hat, sondern eigentlich nur noch dummes Zeug gelabert hat. Das war zwar auf seine Art ganz unterhaltsam und witzig, aber musikalisch wenig werthaltig.

Die zwei Songs die er noch zu Stande brachte waren dann leider komplett belanglos und nichtssagend, so dass er doch lieber seine Drohung hätte wahrmachen und 'Rasputin' von BONEY M covern sollen. Das Theater war dann ja zum Glück aber recht schnell vorüber, und es konnte mit richtiger Musik losgehen.

[Nezyrael]

Als sehr sehr junge Band müssen sich THE HYLE zunächst einmal zwei Fragen stellen: Erstens wie kommen diese mit einer Spielzeit von 30 Minuten auf ein Festival mit Größen wie ACID KING und zweitens, können diese überhaupt dem mittlerweile extrem hohen Standard entsprechen? Beide Fragen lassen sich relativ schnell damit beantworten, dass THE HYLE einfach gut sind. Doomig, rockig, quadratisch, praktisch, gut, all die Adjektive die man sich wünschen kann. Vor allem der dargebotene Song 'Lucifero' ist ein echter Ohrwurm und sorgt für fast hypnotische Stimmung. Böse Zungen mögen behaupten, dass die Band als dänisches Produkt durch etwas Vetternwirtschaft in das Festival gerutscht ist, aber wenn dem so sein sollte dann war dies zum Besten aller, da der Auftritt sich wirklich sehen lassen kann. Zumindest trifft das auf die Musik zu. Die Band selbst ist sichtlich aufgeregt und deshalb einfach steifer als es der groovige Doom/Rock Mix verlangen würde. 
Das kann man ihnen allerdings wohl kaum zum Vorwurf machen. Die kurze Spieldauer fällt hier allerdings besonders auf; zwar wird hier und da etwas gestreckt, aber mit dem knappen Songmaterial das bis jetzt vorliegt kann man eben einfach nicht das gleiche Angebot auffahren wie Urgesteine des Genres. Die Soundcrew nimmt dies allerdings dankend an und hat ausnahmsweise mal einen entspannten Umbau. Das ist doch auch schön. Jedenfalls hinterlassen THE HYLE einen guten Eindruck und lassen sich bedenkenlos weiterempfehlen. Vielleicht gibt man ihnen allerdings
noch etwas Eingewöhnungszeit.

[Sunny]

Nachdem 2013 schon PROCESSION auf dem Heavy Days zu sehen waren, lag es
nahe nun auch noch CAPILLA ARDIENTE einzuladen, schließlich sind nicht nur Bassist und Sänger in beiden Bands zugange, das 2014 erschienene Album "Bravery, Truth And The Endless Darkness" ist auch noch ein sehr gutes Album geworden. Dementsprechend gespannt war ich darauf,, die Songs endlich mal live zu sehen und ich wurde auch nicht enttäuscht. CAPILLA ARDIENTE gehen in ihrem Riffing und ihrem Gesang aggressiver zu Werke als die Kollegen von PROCESSION, aber die epische Grundausrichtung bleibt in jedem Fall bestehen. Ein mitreißender Gig, der dem sonst in meinen Augen bisher eher schwachem Sonntag gehörig Schwung verliehen hat. 

[Nezyrael]

NIGHT PROFOUND stellt eine der kleinen Schneeflocken auf diesem Festival dar, mit denen ich einfach nichts anfangen kann. Die Intention hinter dem Akustikgedudel ist mir natürlich bewusst; nach 4 Tagen schwerfälligem Doom/ Sludge Gemisch freuen sich die meisten über eine kleine Auflockerung ohne Verzerrer und mit etwas herkömmlichen Takt. Für viele geht die Rechnung auch auf; vielleicht gerade weil wenige Stunden zuvor KING DUDE noch die Gemüter im gleichen Stil aufgeweicht hat. Der ganze Gig hat dafür weniger Jam-Session-Gefühl als die vorangegangene Travestie, beeindruckt  mich allerdings immer noch nicht. Naja einigen scheint es zu gefallen, andere tummeln sich um die Theken herum. Pause muss ja auch mal sein.

[Sunny]

Richtig voll wurde es dann wieder für die Horror-Doomer von ABYSMAL GRIEF. Die Italiener können dabei nicht nur mit toller Musik aufwarten, sondern haben auchShow-technisch einiges zu bieten, von den Outfits bis zum riesigem Keyboard. Dabei es auch wieder etwas mehr Abwechslung auf musikalischer Seite zu vermelden, Soundsamples, chorale, stellenweise fast schon sakrale, Elemente und großflächige, bombastische Keyboards finden sich im Sound der Italiener wieder, die somit nochmal einen schönen Kontrast zu vielen anderen doch eher aufs wesentliche reduzierten Bands bieten.
Das einige der Passagen auch durchaus als FIlmmusik durchgehen könnten kommt schließlich nicht von ungefähr. Spannender und interessanter Auftritt, der auf jeden Fall Lust auf mehr macht.

[Nezyrael]

Ganz in grünes Licht getaucht mischen die Kanadier von HOOPSNAKE wieder richtig groovig mit ordentlichem Schuss Stoner Rock die Menge auf. Die dargebotenen Songs erinnern vom Riffing her schwer an die Urgesteine von SLEEP und lassen sich manchmal wirklich nur durch das sludgige Gekeife der Sangesfraktion von dieser Inspiration unterscheiden. Dabei ist das Ganze eine seltsame Mischung aus Entspannung und beißender Härte; 
gerade der Schlagzeuger verausgabt sich  hier nicht unbedingt, aber mithilfe der Riffs und dem Gesang welche immer wieder den Groove in die Gosse zerren, ergibt sich einfach ein drückendes und aufregendes Erlebnis. Gepaart mit dem offensichtlichen Spielspaß ergibt sich ein rundum gelungenes Konzert der Band. Allerdings mussman gewisse Taktwechsel einfach mal kritisieren, Songstruktur scheint einfach nicht die Stärke der Band zu sein. Der Menge gefällt es jedenfalls und wir können uns anschließen.

[Sunny]

Um 22 Uhr ging es dann mit HOODED MENACE weiter. Die Death-Doom-Koryphäen aus Tschechien waren live für mich aber leider etwas enttäuschend. Zu routiniert und zu lieblos heruntergespielt  klangen die an sich tollen Songs. Ich kann nicht mal genau begründen woran es lag, viele der Umstehenden hatten sichtlich ihren Spaß mit denHerren, auch die Setlist war in Ordnung. Aber an mir war der Auftritt irgendwie verschwendet. Schade, bin ich doch auf Platte normalerweise ein Fan der Band, aber das war irgendwie nix.
Sunny merkte noch an, dass der Auftritt genauso klang, wie man es sich vorstellt, wenn man uninspirierten Death Metal mit uninspiriertem Doom kreuzt, und leider traf das auch ein wenig zu.

[Nezyrael]

Die Ehre des vorletzten Slots des diesjährigen Festivals und somit auch des
Heavy Days In Doomtown insgesamt hatten die Schweden von THE ORDER OF ISRAFEL inne. Dementsprechend prall gefüllt war dann auch das Dödsmaskinen, das im Verlauf des Festivals leider zu oft an die Grenzen seiner Kapazität gekommen ist. Wer eine beliebte Band wie MANTAR dort von vorne verfolgen wollte musste damit leben, dass er die vorherige Band nicht komplett anschauen konnte oder im Dödsmaskinen eben hinten stehen musste, wo die Sicht dann doch sehr begrenzt war. Das sollte mich dann aber nicht weiter stören, war es bei THE ORDER OF ISRAFEL doch relativ bequem möglich nach vorne zu kommen sofern man pünktlich war. Und das hat sich dann schlussendlich auch gelohnt, da nach vielen düsteren Acts am Samstag der stellenweise fast schon fröhlich-beschwingte Heavy Doom eine sehr willkommene Abwechslung, der auch geschwindigkeitstechnisch mal eine andere Rolle einnahm. Songs wie 'On Black Wings, A Demon' oder das elegische 'Promises Made To The Earth' fanden großen Anklang im Publikum. 
Stimmlich war Sänger Tom Sutton zwar nicht immer voll auf der Höhe und auch der Bassist war mehr mit Posen als mit Spielen beschäftigt, aber insgesamt war es ein sehr gelungener Auftritt und ich hoffe, die Herren auch mal auf einer Clubtour in Deutschland sehen zu können.

[Nezyrael]

Draußen beißt der kalte Nordwind, drinnen die verbrauchte Luft und auch der Regen kann die brennenden Feuertonnen vor der Konzerthalle nicht auslöschen;
perfekte Endzeitstimmung also und genau das richtige Setting für die Amerikaner von BELL WITCH. Das Duo erstellt nur mit Schlagzeug und einem Bass bewaffnet den atmosphärischen Soundtrack zur Apokalypse. Bereits nach wenigen Minuten BELL WITCH spürt man, dass die Musik durch ihr Dröhnen mehr ist als das man hört. Aber was für Musik eigentlich? Definitiv doomig: das steht fest. Melodisch kann es beizeiten auch sein, auch wenn man gelegentlich schwer Richtung Drone abdriftet. Mit dem immer wieder sporadisch auftauchenden Gesang der zwischen dem Gegurgel des Schlagzeugers und dem choralartigen Gesang des Bassisten wechselt, wäre es vielleicht am sinnvollsten die Erfahrung als Funeral Doom mit Drone Elementen zu bezeichnen. Melancholisch genug ist das Feeling in der Halle dafür zumindest, vielleicht auch weil es sich einfach um die letzte Band des letzten Heavy Days in Doomtown handelt. BELL WITCH liefert jedenfalls einen mehr als würdigen Abschluss und stellt auch als rote Laterne tatsächlich noch einmal einen der Höhepunkte des gesamten Festivals dar. Die Stimmung ist vielleicht etwas geknickt nach dem Ende des Auftritts, aber trotzdem sind alle zufrieden. Ein gelungener Abgesang an die letzte Runde Heavy Days.

[Sunny]

Damit war das Kapitel Heavy Days In Doomtown beendet und ziemlich kaputt, aber auch wehmütig machte man sich Montag auf die Heimreise. Ich hoffe sehr, dass die Organisatoren nach ihrer wohlverdienten Pause sich im Jahre 2017 wieder dazu durchringen können etwas auf die Beine zu stellen, denn sowohl das Kill-Town Death Fest als auch das Heavy Days in Doomtown waren großartige Festivals.

[Nezyrael]

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