Dienstag, 20. Juni 2017

Editorial: Wie wichtig ist Aussehen im Metal?

Als Metaller verlacht man gerne die Eitelkeit von Goths oder den offenen Materialismus von Hoppern. Man gibt vor, dass besondere Klamotten keine Rolle spielen und die Musik über allem thront, aber ist dem wirklich so? 
Seit es den Metal gibt, gibt es auch die Debatte um Outfits. Ob nun schillernde Glamrocker, toupierte Hair-Metal-Poser oder trend-bewusste Nu-Metalheads: meist wurde nicht nur über Musik sondern auch über Optik geredet und damit wurde oft auch eine Gegenbewegung ausgelöst. Sei es nun der klassische
True oder Poser? Alles eine Frage der
Optik? 
Thrash und Heavy Metal, der bewusst dreckig und rotzig wirken wollte (mit viel Jeansstoff und Lederware), um sich von den bunten Posern abzuheben, oder sei es der Death Metal, der gerade in der Anfangszeit mit Jogginghosen und Turnschuhen keinen Deut auf Aussehen gab, Beispiele für unkonforme Subkulturen finden sich im harten Genre an vielen Orten. 
Allerdings kann man auch argumentieren, dass selbst dieser konsequente Einsatz von Streetwear eine Eigendynamik entwickelt hat - vor allem was Musiker betrifft. Denn gerade bei Newcomern scheint die Wahl der T-Shirts, Kutten und Frisuren die Stimmung bei Konzerten maßgeblich zu beeinflussen. Es mag eine kühne These sein, aber eine musikalisch starke Band hat es schwerer die verdiente Anerkennung zu bekommen, wenn sie mit bunten V-Ausschnitt-Shirts, kurzen Haaren und Sandalen die Bühne entert, anstatt standesgemäße Outfits mit langen Matten, Bandshirts und Patronengurten zu tragen. Auch hierfür gibt es scheinbar Belege. So hatten es die inzwischen renommierten Thrash-Legenden von TANKARD anfangs schwer einen guten Plattenvertrag zu bekommen, weil sie nach eigener Aussage beziehungsweise eines bekannten Labels  "zu hässlich" gewesen wären. Während Leder- und Nietenträger wie KREATOR und
Tankard, Anfang der 80er : zu hässlich für einen Plattenvertrag? 
(Quelle: Noise Records)
DESTRUCTION schnell zu Idolen einer neuen Bewegung avancierten. Auch die abgedrehten Grinder von JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE haben in Interviews erwähnt, dass Ringelpullover auf der Bühne bei Metallern nicht unbedingt auf
Japanische Kampfhörspiele (Quelle: Wikipedia)
Gegenliebe stoßen. Auch ich persönlich kann mich nicht ganz davon frei machen und konnte mir in der Vergangenheit Seitenhiebe in Konzertberichten über langweilige Normalo-Outfits des Öfteren nicht verkneifen. In einem Genre das gerade bei Live-Darbietungen von seiner Präsentation und Performance lebt, ist so ein Verhalten auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar und natürlich gibt es auch haufenweise Metalheads denen es wirklich völlig egal ist, wie Musiker oder Szenegänger aussehen. Jedoch scheint es unausgesprochene oder vielleicht sogar unterbewusste Faktoren zu geben, die unsere Hörgewohnheiten beeinflussen, was man in diesem Fall als "Das Auge hört mit" bezeichnen könnte. 
Es ist ein schwieriges Thema über das auf der Meta-Ebene nicht oft gesprochen wird, aber fragt euch nur einmal selbst, bei welcher (euch unbekannten) Band ihr wahrscheinlicher beim Durchblättern eines Magazins oder durch-scrollen einer Seite Stopp machen würdet: jene die aussieht, als würde sie die kommende Dorfkirmes mit Rock-Covern bespaßen, oder jene, die lange Matten hat und seltene Patches aufträgt? 
Grundsätzlich soll hier auch gar nicht geurteilt werden - vielmehr stelle ich mir einfach die Frage inwieweit unsere Szene ihren eigenen Ansprüchen gerecht wird. Denn auch wenn wir es gerne verneinen, sind wir ebenso wie Goths und Hopper ein Teil des subkulturellen Jahrmarkt der Eitelkeiten.

[Adrian]

Keine Kommentare:

Kommentar posten