Freitag, 22. Januar 2021

Reingehört: Zwenz "A Life's Work Of Natrgaard"

Wenn man als Solo-Musiker arbeitet kann das dahingehend von Vorteil sein, da man keinerlei Kompromisse bei seiner kreativen Vision machen muss und die persönliche Selbstverwirklichung zu 100% im Fokus steht. Allerdings hat man in diesem Fall auch niemanden, der einem sagt, dass manche Ideen vielleicht besser verworfen werden sollten. Ich bin ganz ehrlich - im Falle von ZWENZ ist letzteres definitiv der Fall. Alleinherrscher Natrgaard hätte bereits bei Benamung seiner Alben einen kritischen Berater gebrauchen können. Denn wer sein erstes und zweites Album jeweils "A Life's Work Of Natrgaard" nennt (jeweils unterschiedlich nummeriert), sollte darauf gefasst sein mitleidige Blicke zu ernten. Denn diese Titel deuten daraufhin, dass diesen Werken eine lange Karriere vorangegangen ist - dabei existierte dieses Projekt zum Zeitpunkt des ersten Releases gerade ZWEI Jahre. Die Erstveröffentlichung ist allerdings bereits 15 Jahre her und ZWENZ gibt es genau genommen auch gar nicht mehr - allerdings wurde besagtes Album gerade bei Black Blood Records neu aufgelegt. Schauen wir einfach mal, wie gut die Platte gealtert ist. 
Fangen wir wie immer vorne an. Wir haben es hier mit fünf Tracks zu tun, die es auf etwa 27 Minuten Spielzeit bringen. Es ist also mehr eine EP als ein Album, aber wie bereits in der Vergangenheit erwähnt, bestimmt der Künstler das Format selbst und wenn man erst zwei Jahre ein Projekt betreibt ist das Lebenswerk eben auch sehr überschaubar. Stilistisch hat man es hier mit epischen BATHORY zu tun, die auf einen echt schäbigen Drum-Computer treffen. Zugegeben, vor 15 Jahren waren die meisten Software-Schlagzeuger für den Heimgebrauch noch ziemlich räudig und nicht jeder hat einen Drummer aus Fleisch und Blut zur Hand, allerdings trübt man damit das Hörvergnügen ordentlich. Selbiges gilt auch für die Samples, die man hier benutzt. Gerade diese Pferde-Laute beim Opener 'Einstieg' klingen wie aus der Krabbelkiste einer kostenlosen Sound-Datenbank. Der hymnische, getragene Gesang wie auch das Keifen gehen derweil in Ordnung und geben nur
wenig Anlass zur Kritik (sofern man von der etwas unnatürlich wirkenden Betonung beim Bariton absieht). Bevor wir zu weiteren positiven Aspekten kommen, muss ich noch erwähnen wie beschissen ich die Lyrics finde. Entschuldigt die Ausdrucksweise, aber mir fällt keine bessere Umschreibung ein. Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf 'Hinterland'. Hier fallen folgende Verse: "
Ich pack mein Zeug und lauf nach Norden. Entlang an riesen großen [sic] Fjorden, Aus dem Fluss, in dem ich einst noch Bären sah, Entspringt ein riesen großer [sic] Wasserfall" - hier könnte in der Folge auch "Der Kaspar kam mit schnellem Schritt. Und brachte seine Bretzel mit" stehen und es würde mich nicht weniger überraschen. Die lyrischen Abgründe werden im späteren Verlauf auch nicht besser. So liest man im Booklet bei 'Falkenflug' folgendes: "Ich bin ein Falke, ja ich bin frei, ich bin bei den Wolken ganz nah am Himmelstor" - ich würde gerne einmal wissen von welcher Schwarzwald-Postkarte dieser Spruch geklaut wurde. Allerdings ist hier nicht alles schlecht und es gibt einen Grund, wieso diese Rezension unter dem Stickwort "Reingehört" und nicht "Unerhört" läuft (unserer Abteilung für akustischen Durchfall). Denn die Gitarren, die Melodien und die Arrangements sind oftmals wirklich gut. Im Ernst, auch wenn ich 'Hinterland' eben noch für seine dämlichen Texte kritisiert habe, ist es an sich ein guter Song. Es gibt atmosphärische Phasen, singende Gitarren und ein schwarz-dreschenden Höhepunkt gegen Ende. Bei 'Reise ins Innere der Erde' kommen mit der dezenten Flöte und den singenden Gitarren sogar stellenweise leichte FALKENBACH Vibes auf (auch wenn immer noch Welten zwischen diesen beiden Künstlern liegen). Auch 'Falkenflug' geht an sich gut ins Ohr - teilweise gibt es Übersteuerungen gerade beim Gesang, aber das kann man bei Black-Metal-Vocals als Stilmittel durchgehen lassen. Das finale Instrumental geht eigentlich auch gut ins Ohr, aber endet dann so abrupt, dass ich ersten Augenblick dachte, beim Brennen im Presswerk wäre etwas schiefgelaufen.

Alles in allem ist  "A Life's Work Of Natrgaard" das durchwachsenste Album, das ich je gehört habe. Einerseits beleidigt es den Hörer mit seinen unbeholfen Texten, seinen billigen Drums und seiner Selbstgefälligkeit (ich komme noch immer nicht über den Albumtitel hinweg). Zum anderen ist Natrgaard nun wirklich kein schlechter Song-Writer und Gitarrist, ich glaube als Lead-Gitarrist in einem Bandverbund, wo Mitmusiker seine nicht ganz so genialen Einfälle ausbremsen würden, hätte er bereits damals rundere Werke erschaffen können. So allerdings bleibt die vorliegende CD eine gemischte Tüte aus atmosphärischem (manchmal rockigem) Black Metal, meditativem (Neo) Folk und Wildschweinkacke in Form der genannten Kritikpunkte. Wer über das Negative hinwegsehen kann oder generell auf Koprophagie steht, kann sich diesen Dreher gerne gönnen. Ich bleibe lieber bei den genannten Referenzen.
Seit 18.12.2020 gibt es diesen Re-Release als CD bei Black Blood Records.

[Adrian]

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