Donnerstag, 15. Oktober 2020

CD-Review: Nocte Obducta "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)"

Wem ich NOCTE OBDUCTA noch vorstellen muss, der hat entweder gestern erst angefangen Black Metal zu hören oder geht mit geschlossen Ohren durch die Welt. Die 1995 im Rhein-Main-Gebiet gegründeten Schwarzheimer gehören unbestritten zu den bekanntesten heimischen Bands schwarzer Klangkunst und prägen seit einem Vierteljahrhundert (mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen) die deutschsprachige Szene. "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" ist ihre bereits 13. (!) Platte und wird nächsten Monat erscheinen. Ich durfte aber bereits schon jetzt reinhören.
Natürlich gibt es unter den sieben Tracks auch dieses Mal wieder vor allem lange Titel. Fast alle Lieder sind mehr als sechs Minuten lang und der längste durchbricht locker die zehn Minuten Grenze. Insgesamt bringt es das Album so
auf etwas mehr als 52 Minuten und die Mainzer nutzen diesen Platz um vor allem im ersten Drittel eine extrem breitwandige und ausladene Atmosphäre zu erschaffen. Aber neben dem extrem punkigen und schnellen Einstieg bei 'Zurück im bizarren Theater' gibt es in der Mitte des Albums mit 'Der Greis und die Reiterin', der gleichzeitig der kürzeste Song ist, einen weiteren rasanten Ausreißer, der es ähnlich wie SATYRICON Mitte der 2000er schafft rockige Stakkato-Beats mit lavaartigen Gitarren zu verbinden. Bei 'Der alte Traum' bekomme ich wiederum BLUT-AUS-NORD-Vibes. Die Riffs klingen entfernt und verwaschen, aber sind ebenso dicht und bedrohlich. NOCTE OBDUCTA versteht es perfekt mit Effekten, dezenten Keyboards und ausdrucksstarken Melodien zu spielen, was man auch bei 'Bei den Ruinen' oder 'Noch' merkt, die sich genauso langsam aus den Boxen ergießen, aber dabei mit jeweils völlig anderen Klängen und Motiven arbeiten, die zwischen kaskadischem Black Metal, Doom und Postrock hin und her mäandern und gegen Ende des Albums auch vor einem progressivem Avantgarde-Einschlag und experimentellen Ausflügen nicht zurückschrecken. 


Kurzum, "Irrlicht" klingt stellenweise wie ein klassisches Black-Metal-Album: rau, kalt und abweisend - zu anderen Zeitpunkten wirkt es dann wieder warm, emotional und nachdenklich. Auch nach 25 Jahren merkt man den Herren vom Rhein noch an, dass sie voller Kreativität und Spielfreude stecken. Viele unterschiedliche Ideen und Einflüsse wurden hier verwurstet, diese aber so geschickt mit einander verbunden, dass man das Gesamtwerk nicht aus den Augen verloren hat. Natürlich muss man grundsätzlich offen sein für den etwas ausgefallenen Stil der Kapelle und keine Angst vor fremden Einflüssen im Schwarzmetall haben. Wer aber nicht gerade streng finnisch-orthodox erzogen wurde, wird mit dieser Scheibe einige schöne Stunden verbringen können, denn bei jedem Durchlauf erschließen sich neue Facetten der sieben Klangwelten. Nicht jedes Detail wird dabei zwangsläufig den eigenen Geschmack treffen. Ich finde zum Beispiel, dass in 'Rot und Grau' etwas zu viel experimentiert wird und es diesem Track besser getan hätte, wenn er mehr straight-forward arrangiert worden wäre. Alles in allem, überwiegen aber ganz eindeutig die Highlights auf dieser Scheibe, die ihr euch auf jeden Fall anhören solltet. Denn denkt daran, dass ihr auch bei einem potenziellen zweiten Lockdown gute Musik zum überleben brauchen werdet.
Am 27.11.2020 erscheint "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" bei Supreme Chaos Records - über einen Monat später als gedacht, da es einen Cororna-Ausbruch im Presswerk gegeben hatte. Auch so eine Sache, an die man sich 2020 gewöhnen muss.

8,5 von 10 Punkten

[Adrian]

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