Samstag, 7. Oktober 2017

Editorial: Sind Zwei-Mann-Projekte das nächste große Ding?

Als ich angefangen habe rockige Musik zu hören, galt für mich immer die goldene Regel, dass man keine Gitarren-orientierte Band formen kann, ohne mindestens über drei Mitglieder zu verfügen. Gitarre, Bass, Gesang und Drums: ohne dieses Fundament kann man nichts erreichen. Diese Regel scheint aber nicht mehr zu gelten. Momentan drängen immer mehr Projekte in die Öffentlichkeit, die lediglich zwei Musiker umfassen. Bahnt sich hier ein neuer Trend an?

"Es gab aber schon immer Bands, die nur aus zwei Personen bestehen!", höre ich bereits viele unken und ja: es gab schon immer Truppen, die sich auf das Nötigste beschränkt haben. Im Mainstream Rock waren zum Beispiel in den 2000ern die WHITE STRIPES als Duo sehr erfolgreich und im Black Metal ziehen
Dick im Geschäft: MANTAR
Kapellen wie DARKTHRONE oder SATYRICON auch schon lange ihre Two-Man-Show durch. Während die WHITE STRIPES keine Relevanz für unsere Szene besitzen und die genannten Norweger nicht als Duo live auftreten beziehungsweise gar nicht auf der Bühne stehen, ist die neue Generation von Duellisten ein geradezu fahrendes Volk. Besonders die norddeutschen Doom-Sludge-Rocker von MANTAR sind in den letzten Jahren unheimlich viel unterwegs gewesen und gehören derzeit zu den bekanntesten Truppen, die lediglich Gitarre, Gesang und Schlagzeug für sich sprechen lassen. Ihr Sound ist irgendwo zwischen Black'n'Roll, Doom, Sludge und Crustcore anzusiedeln, aber lässt sich insgesamt nur schwer einordnen, was gleichzeitig die einsame Gemeinsamkeit der aktuellen Bewegung ist (auch wenn viele Kapellen das Attribut "Sludge" in ihren
Sind sich selbst genug: BÖLZER
Stil einbeziehen). Auch die beiden Schweizer von BÖLZER bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Black, Death und Atmospheric Metal und lassen sich nicht klar einem Stil zu ordnen. Allerdings benötigt ein guter Trend auch Pioniere und eine solide Basis im Untergrund. Beides finden wir aber auch im "Duo Metal" (um dem Ganzen provisorisch einen griffigen Namen zu geben). So wüten die Niederländer von URFAUST bereits seit 2003 mit ihrem avantgardistischen Ambient Black Metal zu zweit durch die Landschaft, genauso wie die instrumentalen US-Prog-Atmosphäriker von TEMPEL, auf eine ähnlich lange Geschichte zurückblicken können. Auch die Wahl-Amerikaner von JUCIFER ziehen als musizierendes Black-Sludge-Ehepaar seit fast 25 Jahren durch die Welt, während man im aktuellen Untergrund düstere Acts á la GROUND (zwei Katalanen, die einen düsteren und harschen Sludge spielen) findet oder Truppen live erlebt, die sich aus Ermangelung eines dritten Mitstreiters zeitweise auch zu zweit die Bühne umpflügen wie die Southern-Stoner von BLACK MOOD aus Thüringen oder das brasilianisch-deutsche Death-Metal-Outfit INCARCERATION, das auch ohne dritte Person mächtig Alarm produzieren kann. 


Allerdings sollten wir bei allen Vorzeichen vorsichtig sein, wenn wir von einem neuen Trend sprechen möchten. Denn noch immer ist es die Ausnahme, dass Bands auf ein zusätzliches Saiteninstrument verzichten und bisher kocht der Rummel abseits von MANTAR und BÖLZER noch auf kleiner Flamme - und von Rummel kann man eigentlich auch nur im metallischen Underground sprechen, denn an einem größeren Publikum geht der Trend völlig vorbei. Auch sollte man bedenken, dass das generell gesteigerte Interesse an Doom und Sludge, ein Stil, der scheinbar auch zu Zweit gut zu spielen ist, auf westlichen Bühnen dafür sorgt, dass auch immer mehr Duo-Metaller in den Fokus des Undergrounds geraten. Vielleicht wird es auch einfach immer schwerer mehr als ein bis zwei Personen zu finden, die sich auf ein Sub-Genre der zersplitterten Metal-Landschaft einigen können. Wer weiß das schon genau?

Was es auch ist, die Zukunft wird zeigen, ob wir bald die goldene Regel der Metal-Band-Besetzung überdenken müssen und es nicht mehr mindestens drei Musiker sein müssen, die gemeinsam auf die Bühne gehen. 

[Adrian] 

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