Dienstag, 18. April 2017

Off-Topic: Iron Fist (Netflix Original) - Ohne Spoiler!

Hallo Netflix, hast Du kurz Zeit für mich? Wir müssen nämlich reden. Denn während ich diese Zeilen schreibe schaue ich gerade die letzte Folge der ersten Staffel der Marvel-Serie "Iron Fist" und habe ein paar Fragen.

Vorab allerdings ein wenig Hintergrund für alle, denen "Iron Fist" nichts sagt: Die Serie bildet das vierte Element der "Defenders"-Reihe, die Netflix über die letzten paar Jahre aufgebaut hat. Denn ähnlich wie die Avengers auf der großen Leinwand baut auch Netflix mittels einzelner Superheldengeschichten ein Team auf, dass sich in einer separaten Serie zusammenfügen wird. Zu den Defenders gehört neben Danny Rand alias Iron Fist der blinde Anwalt Matt Murdock auch bekannt als Daredevil, die übermäßig-starke Privatdetektivin Jessica Jones und der quasi unzerstörbare Luke Cage. Daneben gibt es verbindende Nebencharaktere und Antagonisten, die in mehreren oder allen Serien zu finden sind - höchstwahrscheinlich laufen hierüber die Handlungsstränge zusammen und führen die heterogene Gruppe von Supermenschen zueinander, um ein gemeinsames Team zu bilden. Die Serien sind an sich stärker in der Realität verwurzelt als beispielsweise DC Serien wie "Supergirl" oder "Flash". Hier tauchen nicht jede Woche neue Bösewichte auf - der Haupthandlungsstrang wird nämlich durchgängig erzählt und befasst sich mit ernsthafteren Gesellschaftsthemen wie zum Beispiel Missbrauch oder Rassismus - die man in einer Superheldenstory verpackt. Man lässt der skizzierten Serienwelt auch mehr Raum zur Entfaltung und setzt viel stärker auf die Herausarbeitung echter Charaktere. Diese Formel hat
Finn Jones (Foto: IMDB)

bisher sehr gut funktioniert - auch wenn sie bei "Luke Cage" bereits etwas an Frische eingebüßt hatte. Bei "Iron Fist" jedoch gerät das Konzept erstmals richtig ins Stocken. Das fängt schon damit an, dass die Comicvorlage schwer ins entmystifizierte Weltbild der Marvel-Netflix-Serien passt. Immerhin geht es um einen jungen Multimillionärssohn dessen Eltern bei einem Flugzeugabsturz im Himalaja zu Tode kommen, er von Mönchen eines geheimnisvollen Klosters gefunden wird, das nur alle 15 Jahre seinen Zugang öffnet und von einem Wächter namens "Iron Fist" bewacht wird. Das Kloster nimmt den Jungen auf und sieht in ihm eine designierte Iron Fist (Überraschung!). Er wird zum Beschützer ausgebildet, aber haut 15 Jahre später (bei der nächstbesten Gelegenheit) wieder in unsere diesseitige Welt ab, um in New York City sein Erbe zu beanspruchen - einen multinationalen Konzern! Das riecht sehr stark nach Batman, aber ist im Endeffekt doch weiter davon entfernt als man denkt. Es geht hier stärker um die Frage wo die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft und um die Machenschaften des amerikanischen Geldadels. Was davon jedoch Priorität hat wird dabei nicht ganz klar und irgendwie plätschert die erste Hälfte der Staffel auch etwas ziellos vor sich hin, während die Handlung in einer Ausführlichkeit erzählt wird, das man zwischenzeitlich ernsthaft die Lust verliert weiterzuschauen. Mehr als einmal habe ich mich gefragt "Wo führt das eigentlich hin?" oder "Kann man das nicht abkürzen?".


Das ist wirklich schade, denn die Charaktere und die Schauspieler gefallen mir wirklich gut. Protagonist Finn Jones (bekannt unter anderem als Loras Tyrell aus "Game of Thrones") und vor allem Jessica Henwick (ebenfalls aus "Game Of Thrones" bekannt - sie spielt dort die Nymeria Sand) machen einen
Jessica Henwick (Quelle: IMDB)
sehr guten Job und sind sehr glaubwürdig und sympathisch in ihren Rollen. Das Kung Fu, das in der Serie dargestellt wird, sieht gut aus, wird aber in seiner Philosophie so lächerlich erklärt, dass sich Kenner Asiens an den Kopf greifen dürften. Die Handlung ist an vielen Stellen auch schwerst überladen, unnötig kompliziert und dann auch wieder erwartbar. Insgesamt habe ich "Iron Fist" nur zu Ende geschaut - um auf "Defenders" gut vorbereitet zu sein. Denn bei jeder anderen Serie wäre ich ab der Mitte ausgestiegen. Deswegen frage ich Dich, Netflix, ganz direkt. Wieso ist es hier nicht gelungen eine runde Geschichte zu erzählen? Sonst geht es doch auch! Wieso hat man "Iron Fist" als Defender ausgewählt, wenn man scheinbar nicht weiß, wie man mit dem Stoff umgehen soll? Wieso hat man das Arm-Reich-Leitmotiv einfach fallen gelassen und auf einmal auf eine Tyrannenmordproblematik umgeschwenkt, die man ziemlich ausweichend auflöst? Es gibt viele Fragen, die ich noch stellen könnte, aber die sind ohnehin alle obsolet, sofern "Defenders" funktioniert und ich hoffe, dass es das tut, denn die Herausbildung vielschichtiger Charaktere hat zumindest bisher in allen Netflix-Marvel-Serien gut funktioniert und ergibt eine super Grundlage für zukünftige Projekte - ich freue mich schon jetzt auf die Interaktionen der vier unterschiedlichen Helden. "Iron Fist" allerdings bleibt für sich allein leider weit hinter den Erwartungen zurück und kann allenfalls mit einem "Okay" bewertet werden. Schade. 

 [Adrian]

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